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Jonas Vertrauen

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VerRücktheiten


Für meine Tochter Nadjana Weena,

mein Schlüssel zur Liebe


Jona staunte.

Gestern Abend hatte er einen Brief an Gott geschrieben und ihn, wie ihm sein Vater geraten hatte, auf das Fensterbrett gelegt. Eigentlich klang der Vorschlag seines Vaters nicht ernst gemeint. Er machte sich darüber lustig, daß ein 12jähriger Junge Briefe an Gott schreibt. So was machen höchstens 6jährige Kinder, und die schreiben dann ans Christkind, sagte er lachend zu Jonas Mutter.

Mit großen Augen starrte er nun auf das Fensterbrett. Der Brief war verschwunden. Dafür lag ein Antwortbrief an seiner Stelle. Ob wohl sein Vater den Brief ausgetauscht hat? Oder seine Mutter? Also, bestimmt nicht seine Schwester, die war 15 und interessierte sich für ganz andere Dinge.

Aber so dumm fand Jona den Vorschlag nicht, denn wie sonst soll man einen Brief an Gott schicken? Zögernd nahm er den Brief und betrachtete ihn. Es war ein ganz gewöhnlicher Briefumschlag aus weißem Papier, so wie man ihn überall kaufen konnte. Allerdings ohne Absender. Es war auch keine Briefmarke darauf. Doch das fand Jona normal, denn er hatte ja auch keine draufgeklebt.

Vorsichtig ritzte er den Umschlag mit seinem Zeigefinger auf, holte den Brief heraus und faltete ihn auf. Zuerst suchte er nach dem Absender. Er fand nur die Unterschrift. Als er sie las, raste sein Herz. Er setzte sich auf sein Bett und las noch einmal laut:

In Liebe

Gott.

 

Tatsächlich ein Brief von Gott. Aber wie kann das sein? Sein Vater hatte ihn doch fast ausgelacht deswegen. Oder hatte er sich einen Scherz erlaubt? Vielleicht war ja der Brief von ihm. Wahrscheinlich, wenn er jetzt zum Frühstück ginge und davon erzählte, würde ihn sein Vater schallend auslachen.

Jona beschloß, nichts von seinem Brief zu erzählen. Auch nicht davon, daß er einen Brief an Gott geschrieben hatte. Er kannte seinen Vater. Wenn er nicht auf seinen Scherz reagieren würde, würde der sich irgendwann verraten. Wahrscheinlich würde er ihn fragen, ob er etwas auf dem Fensterbrett gefunden hätte, und dann wüßte Jona, daß der Brief einer der vielen seltsamen Scherze seines Vaters war.

Da hörte er auch schon seine Mutter zum Frühstück rufen. Ohne den Brief zu lesen, schob er ihn zurück in den Umschlag, versteckte ihn hinter ein paar Büchern und ging runter. Papa saß schon am Eßtisch, doch er verhielt sich vollkommen normal. Keine noch so geringe Anspielung auf den Brief.

Er hätte ihn doch lesen sollen, dann hätte er vielleicht am Stil herausfinden können, wer ihn geschrieben hat. Nun aber war keine Zeit mehr. Schnell trank er seinen Kakao, aß sein Müsli und hetzte dann dem drängenden Vater hinterher zum Auto.

In der Schule war Jona sehr unkonzentriert, immer wieder kreisten seine Gedanken um diesen ominösen Brief. Hätte er ihn nur gelesen! Dann würde er jetzt nicht vor Neugierde platzen. Die Schulstunden dauerten eine Ewigkeit.

Endlich, nach 6 langen Stunden war der Unterricht beendet. Wie ein Wiesel schoß er nach Hause. Er grüßte seine Mutter nur hastig, ging sofort in sein Zimmer und schloß ab. Vorsichtig holte er den Brief hervor, faltete ihn auf und begann zu lesen.

 

Lieber Jona,

vielen Dank für Deinen Brief. Ich war ein wenig überrascht. Denn schon lange habe ich keinen Brief mehr von der Erde erhalten. In der letzten Zeit sind die Menschen sehr mit sich selber beschäftigt und fragen lieber irgendwen, bevor sie sich an mich wenden. Anscheinend haben sie vergessen, daß sie mich fragen können. Oder sie haben nicht den Mut dazu.

Nun, du hast den Mut und darüber freue ich mich sehr. Du schreibst mir in deinem Brief, daß du nicht verstehst, warum es überall Streit gibt auf der Welt, warum die Menschen eher hassen als lieben können. Warum es überall Korruption und Verbrechen gibt und die Menschen sich gegenseitig nur ausnutzen?

Es ist wahrscheinlich schwer zu glauben, aber das ist von mir so beabsichtigt. Ich habe die Erde als eine Art Schule eingerichtet. Ich sage deswegen "eine Art Schule", weil es in eurer Sprache kein passendes Wort dafür gibt. In einer Schule lernt man ja bekanntlich Neues. In dieser Schule aber muß man sich seiner Fähigkeiten lediglich wieder besinnen, man muß sie wieder entdecken und Vertrauen dazu fassen. Um dieses Ziel zu erreichen, ist alles möglich und alles erlaubt. Jeder geht hier einen eigenen Weg. Natürlich führen viele Wege in die Irre oder in eine Sackgasse. Aber das alles müßt ihr selber herausfinden. Ihr habt dazu absolut freie Wahlmöglichkeiten. Was immer ihr tut, ist gut, weil es zu eurem Weg gehört. Deshalb herrscht ein solches, wie du es bezeichnest, Chaos auf der Erde.

Aber glaube mir, es steckt ein Sinn dahinter. Nur, den kann ich dir mit deinen zwölf Jahren noch nicht erklären. Du mußt mir hier einfach vertrauen, wenn ich dir sage, das hat alles seine Richtigkeit. Falls du wieder mal Fragen hast, dann schreib mir einfach. Du weißt ja jetzt, wie das geht. In Liebe

Gott.

 

Jona konnte nicht glauben, daß das alles sein sollte. Er las ihn wieder und wieder. Für wen hielt sich Gott? So ein lächerlicher Brief. Lauter nichtssagende Andeutungen, und der Gipfel war ja wohl, daß er noch zu jung sei, um das alles zu verstehen. Genau wie sein Vater. Wenn der keine Lust hatte, etwas zu erklären, kam er immer mit dem Spruch: dafür bist du noch zu jung.

Er war wirklich wütend. Deswegen war er so schnell von der Schule nach Hause gehetzt? Nachdem er seinem ersten Unmut ein wenig Luft gemacht hatte, setzte er sich wieder an seinen Computer und schrieb einen neuen Brief an Gott.

 

Lieber Gott,

vielen Dank für deinen Brief. Ich muß dir sagen, er hat mich wütend gemacht. Ich bin zwar noch jung, aber nicht dumm. In vielen Fächern bin ich einer der besten in meiner Klasse und ich habe ein sehr schnelles Auffassungsvermögen, sagen meine Lehrer. Also vielleicht könntest du mir ja doch erklären oder es zumindest versuchen, was das mit dieser "Art Schule" zu bedeuten hat. Unter dieser Andeutung kann ich mir nämlich gar nichts vorstellen. Ich hoffe auf baldige Nachricht.

Dein Jona

 

Jona legte den Brief wieder an die gleiche Stelle ans Fensterbrett. Als er später zu Bett ging, kontrollierte er nochmals seinen Brief. Er lag noch immer unverändert dort.

Am nächsten Morgen - Jona wurde wie immer von seiner Mutter geweckt - war der Brief verschwunden, aber es lag keine Antwort da. Warum hatte Gott ihm nicht geantwortet? War sein Brief vielleicht zu frech oder hatte er Gott beleidigt? War Gott vielleicht zu beschäftigt, um zurückzuschreiben? Jona überlegte sich tausend Möglichkeiten. Beim Frühstück und auch den ganzen Tag über war er sehr schweigsam.

Drei Tage wartete er vergeblich auf eine Antwort. Mittlerweile drückte ihn ein richtig schlechtes Gewissen. Sich mit Gott anzulegen, war offensichtlich nicht so clever. Seine Mutter machte sich auch schon Sorgen, normalerweise redete Jona viel, eigentlich ständig. Sein plötzliches Schweigen war ihr unheimlich. Am Morgen des vierten Tages endlich lag der ersehnte Brief da. Sofort riß er ihn auf.

 

Lieber Jona,

vielen Dank für deinen zweiten Brief. Du hast dich wahrscheinlich schon gewundert, daß ich so lange keine Antwort geschickt habe. Ich wollte nur, daß du dich wieder beruhigst. Um es gleich ein für alle mal klarzustellen: du kannst mich niemals beleidigen, ich bin niemals zu beschäftigt und ich beantworte immer jede Frage. Dieses Versprechen habe ich euch Menschen von Anfang an gegeben und daran halte ich mich. Wer direkt fragt, erhält eine klare Antwort, egal welchen Alters er ist. Wenn er reif dafür ist, wird er die Antwort verstehen.

Also, du wolltest wissen, was das für eine "Schule" und für wen sie ist. Es ist eine Schule für die, wie ihr sie nennt, Seelen. Als aufgeweckter Junge weißt du ja sicher, was eine Seele ist. Sinn der Schule ist: Die Seelen sollen ihre gottgegebenen Fähigkeiten wieder entdecken und ihre Fähigkeiten mit praktischen Erfahrungen anreichern.

Eine Seele hat alle Macht des Universums und kann erschaffen, was immer sie will, sofern sie weiß wie. Dazu muß sie sich ihrer Fähigkeiten bewußt werden und sie durch Training vervollkommnen. Und dazu muß sie das Leben aktiv in die Hand nehmen, was bedeutet, sich bewußt ein Ziel zu setzen und darauf zuzusteuern.

Die Ziele können unterschiedlichster Art sein und müssen nicht unbedingt mit 'Große Dinge Erschaffen' zu tun haben. Auch die Taktik einer Verteidigung kann ein Ziel sein. Oder sich einfach nur treiben lassen, große Schicksalsschläge erdulden und vieles mehr. Solange du weißt, was du tust und welches Ziel du ansteuerst, bist du aktiv. Dabei ist es völlig egal, ob das Ziel gut oder schlecht für dich ist. Denn ein Gut oder Schlecht gibt es nicht. Was das bedeutet, wirst du später verstehen.

Dazu möchte ich dir nun folgenden Vorschlag machen: Wenn du bereit bist, zeige ich dir, wie das Leben funktioniert. Ich lehre dich eine neue Art zu denken. Ich führe dich ein in die Geheimnisse des Lebens, die eigentlich gar keine sind.

Dazu müssen wir natürlich einige Lektionen machen. Eines kann ich dir jetzt schon versprechen, wenn wir mit unseren Lektionen fertig sind, wirst du die Welt mit anderen Augen sehen. Dann steht dir eine ganz neue Dimension zur Verfügung. Ich hoffe, du weißt, daß das auch eine Menge an Veränderungen und Verantwortung mit sich bringt, die anfangs nicht immer angenehm sind. Einige deiner liebgewordenen Denkweisen und Ansichten über Menschen und Dinge wirst du komplett über Bord werfen. Und denke auch daran, wenn du einmal diesen Pfad eingeschlagen hast, gibt es kein Zurück mehr.

Wenn du dazu bereit bist, dann beginne mit der ersten Lektion:

Gehe hinaus in die Natur und beobachte sie, so genau wie du nur kannst. Du wirst nach einer Weile erkennen, daß alles in der Natur einen Sinn hat. Frage dich bei allem, was du siehst, nach dem Sinn. Wenn du ein paar Beispiele zusammen hast, dann schreibe sie mir bitte auf und ich werde dir die nächste Lektion geben.
In Liebe

Gott

 

Jona holte tief Luft. Das war irgendwie unheimlich. Sein Leben würde sich verändern. Verrückt, wo er doch nur ein paar Antworten, ein paar einfache Erklärungen wollte! Was er auf keinen Fall wollte, waren irgendwelche dummen Aufgaben. Die hatte er schon in der Schule genug.

"Alles in der Natur hat einen Sinn," murmelte er nachdenklich vor sich hin. Logisch hatte er schon von den Nahrungsketten gehört und daß in der Natur alles aufeinander abgestimmt war. Erst in der letzten Woche hatten sie im Biologieunterricht über Monokulturen und deren schlechte Auswirkungen auf die Natur gesprochen. Daß der Naturkreislauf sehr empfindlich war, wußte er bereits.

 

Bevor er groß weiter denken konnte, hörte er seine Mutter rufen. Schnell sprang er in seine Kleider, frühstückte und fuhr mit seinem Vater zur Schule. Zum Glück nervte ihn der heute nicht mit seinen Späßen. Anscheinend hatte er sich wieder mit Mama gestritten, dann war er immer ruhig im Auto.

Nach der Schule ging Jona mit seinen beiden Freunden nach Hause. Der eine hieß Peter und wohnte nur zwei Häuser weiter. Die beiden konnten sich stundenlang mit Computerspielen beschäftigen oder im Internet surfen.

Der andere Freund hieß Ingo. Ingo interessierte sich nicht so sehr für Computer, dafür war er unheimlich gut im Turnen, er war sogar im Verein. Meist er fuhr mit seinen Rollerblades durch die Gegend, was zugleich die Verbindung zwischen den beiden war. Denn, wenn Jona nicht am Computer saß, fuhr er Rollerblades. Auf ihrem Nachhauseweg kamen sie an einem Park vorbei. Jona ließ sich auf eine Bank fallen. Die anderen lümmelten sich neben ihn und unterhielten sich. Auf einmal schlug sich Jona auf die Backe und rief laut "Aua".

Eine Mücke hatte ihn in die Backe gestochen. Als er sich kratzte, erinnerte er sich plötzlich wieder an seine Aufgabe. Er hielt inne und fragte seine Freunde, welchen Sinn wohl Mücken auf dieser Welt hätten. Zunächst herrschte absolute Ratlosigkeit. Peter meinte nur: "Wenn sie einen stechen, sind sie total ätzend. Die nerven nur." Keiner fand so recht eine Antwort auf Jonas Frage. Ingo wußte noch, daß sie Nahrung für die Vögel wären. Aber mehr konnte er auch nicht beisteuern. Sie waren sich schnell einig: Mücken nerven.

Nur, darin lag noch kein Sinn, fand Jona. Gott hatte doch gesagt, daß alles und zwar wirklich alles einen Sinn hatte. Vielleicht sollten Mücken den Menschen nur zeigen, welche Bedeutung ein so kleines Lebewesen wie eine Mücke für den viel größeren und wahrscheinlich auch intelligenteren Menschen haben kann? Der Mensch kann zwar zum Mond fliegen, trotzdem können ihm Mücken den Schlaf rauben.

Er erinnerte sich, daß ihn eine Mücke vor einigen Tagen über zwei Stunden lang wach gehalten hatte. Gerade als er einschlafen wollte, hörte er dieses nervige Surren an seinem Ohr und gleich darauf war es verschwunden. Das hieß, die Mücke saß irgendwo in seinem Gesicht und würde ihn gleich stechen. Zwei Stunden hat es gedauert, bis er sie endlich mit seinem Kopfkissen erschlagen konnte. Am nächsten Morgen war er hundemüde.

Mit seinen Freunden sprach er darüber allerdings nicht. Gerade Ingo registrierte oft gar nicht, wenn ihn eine Mücke stach. Es juckte nur ein wenig und schon am nächsten Tag war der Stich nicht mehr zu sehen. Der hätte solche Gedanken nicht verstanden.

Plötzlich kam ihm der Gedanke, daß die Mücken ja nicht stechen, um die Menschen zu ärgern, sondern weil sie sich ihre Nahrung holen wollten, das Blut. Im Biologie-Unterricht hatte er gelernt, daß die Mücken die Einstichstelle mit einem Gift betäuben, damit das Opfer nichts davon merkt. Also war eher seine Reaktion auf den Stich das Entscheidende an der Sache und nicht der Stich selbst.

Jona wunderte sich ein wenig über sich selbst. Noch nie hatte er sich über Mücken Gedanken gemacht. Er hatte sie höchstens erschlagen, wo immer er konnte. Und nun führten sie ihn zu philosophischen Gedanken.

Er lief weiter mit seinen Freunden durch den Park. Sie alberten herum, während er so seinen Gedanken nachhing. Da stieg er in einen Hundehaufen. Das war nun wirklich ärgerlich, vor allem weil er Stoffturnschuhe anhatte. Die mußte jetzt seine Mutter wieder waschen. Er konnte schon ihre Vorwürfe hören: Kannst du denn nicht aufpassen, wo du hintrittst? Wozu hast du denn Augen im Kopf? Immer machst du mir unnötige Arbeit. Dich kann man ja wirklich nicht alleine auf die Straße lassen. Jona verstand nie, warum sie so heftig darauf reagierte.

Ingos Mutter zum Beispiel nahm die Schuhe, warf sie in die Waschmaschine und am nächsten Tag waren sie wieder sauber. Keinerlei Diskussion. Jona beneidete Ingo oft um seine Eltern. Die stritten auch nie oder vielleicht nur selten. Zumindest hatte er sie noch nie streiten sehen. Einmal fragte er Ingo, ob seine Eltern denn nie Knatsch miteinander hätten? Der konnte die Frage gar nicht verstehen. Er sagte nur, das sind doch Eltern, die streiten nicht. Die sind zu alt, um sich um einen Fußball oder um Süßigkeiten zu streiten.

Jona überlegte kurz, worüber seine Eltern immer stritten. Es waren meist nur Kleinigkeiten. Einmal ging es um eine Serviette. Ob man sie nun links oder rechts vom Teller eindeckt. Zwei Tage lang haben sie danach nicht mehr miteinander geredet.

Er versuchte den Hundekot in der Wiese von seinem Schuh abzustreifen. Dabei passierte genau das, wovor er Angst hatte, der Stoff wurde schmutzig. Jetzt mußte Mama den Schuh auf jeden Fall waschen. Die Lust am Herumtollen war ihm nun endgültig vergangen. Schnell verabschiedete er sich von seinen Freunden und ging alleine nach Hause.

Auf dem Nachhauseweg überlegte er sich zig Entschuldigungen für seine Mutter. Zum Beispiel, der Kot habe unter einem Blatt im Park gelegen. Oder er sei um eine Ecke gerannt und habe den Kot nicht sehen können, oder jemand hätte ihn reingeschubst. Doch in jedem Fall hätte er lügen müssen und das war ihm unangenehm. Wieder schoß ihm die Frage nach dem Sinn durch den Kopf.

Da kackt ein Hund auf die Wiese, er tritt hinein und das soll einen Sinn haben? Also bitte, das ist ja irgendwie lächerlich. In Hundekot zu steigen, kann keinen Sinn haben. Beim besten Willen nicht. Mit diesen Gedanken im Kopf kam er zu Hause an. Sorgsam zog er sich die Schuhe aus, nahm sie in die Hand und öffnete die Haustüre. Genau in diesem Moment stand seine Mutter mit Putzeimer und Wischmop hinter der Türe. Beide waren völlig überrascht. Seine Mutter sammelte sich als erste wieder, gab ihm einen Kuß und fragte ihn, wie es in der Schule war. Jona antwortete völlig gedankenlos:

"Gut, Mama, aber ich bin in Hundekot getreten." Mit diesen Worten hielt er ihr die Schuhe hin.

Seine Mutter, von dieser direkten Aussage überrascht, nahm die Schuhe und sagte: "Das kann passieren."

Jona stand da und konnte es nicht glauben. Da machte er sich während des ganzen Nachhausewegs Gedanken, wie er Mama sein Malheur beichten konnte, und dann nur: "Das kann passieren." Er war felsenfest davon überzeugt gewesen, seine Mutter würde ihm eine Standpauke halten.

Er bedankte sich kurz bei seiner Mutter, ging in sein Zimmer und versuchte seine Erlebnisse in einem Brief zusammenzufassen. Es dauerte lange, bis er seine Gedanken ordnen und einen verständlichen Brief daraus formulieren konnte. Dann legte er ihn wieder aufs Fensterbrett und ging zum Abendessen.

Am nächsten Morgen lag wie erwartet der Antwortbrief da. Leider hatte er keine Zeit mehr, ihn zu lesen, und so fieberte er gespannt dem Ende des Schultages entgegen. Peter versuchte ihn noch zum Computerspielen zu überreden, aber Jona mogelte sich mit der Ausrede raus, daß er seiner Mutter helfen müßte. Zuhause ging er sofort wieder in sein Zimmer und las:

 

Lieber Jona,

vielen Dank für deinen Brief. Kompliment, das mit den Mücken hast du hervorragend hingekriegt. Es ist richtig, daß sie neben all ihren anderen Funktionen in der Natur eine Botschaft für euch Menschen bereit halten. Obwohl ihr jede Menge Wissen und Fähigkeiten besitzt, können euch kleinste Dinge komplett aus der Fassung bringen. Ihr habt ausgeklügeltste Raketenabwehrsysteme, doch ein Schwarm Mücken in der Dämmerung kann euch zu akrobatischen Höchstleistungen treiben.

Am Besten gefiel mir der Gedanke mit der Reaktion auf den Stich. Wie du richtig schreibst, nimmt dein Freund Ingo einen Stich gar nicht so recht zur Kenntnis. Im wahrsten Sinne des Wortes juckt ihn der Stich nicht. Je mehr du dich dagegen über einen Stich aufregst, um so länger rennst du mit einer dicken Beule herum und kratzt und kratzt und kratzt.

Du hast richtig festgestellt, eine Mücke braucht genau wie ihr Menschen zum Leben Nahrung. Im Falle der Mücke also Blut. Eine Mücke ist genau wie du ein Teil des Ganzen und hat deshalb auch das Recht, zu leben. Der Mensch tötet ein ganzes Tier, um zu überleben. Eine Mücke dagegen will nur einen winzigen Tropfen Blut. Trotzdem habt ihr Menschen damit ein großes Problem.

Es ist eines der Grundmuster des Menschen, daß er nichts abgeben will. Aber genau das muß er wieder lernen. Er muß verstehen, daß er nur ein Teil des Ganzen ist. Ein wichtiger zwar, aber doch nur ein Teil. Ein Teil in einem großen Fluß. Ein Fluß fließt. Und ein Teil teilt. Wenn das Teil jedoch nicht teilen will, wenn es den Fluß blockiert, passieren zwei Dinge. Ein Druck staut sich auf. Dieser Druck kann nur durch einen Gegendruck gehalten werden. Das kostet unendlich viel Energie und entlädt sich manchmal in einer gewaltigen Explosion.

Zum zweiten grenzt sich das Teil ab. Es grenzt sich aus. Das kostet ebenfalls Energie, denn das Teil entzieht sich der fließenden Energie des Flusses. Es macht sich das Leben doppelt schwer. Denke nur an die Außenseiter in deiner Schule.

Es soll nun nicht heißen, daß du zu einem Jasager und Anpasser wirst. Nicht immer ist die allgemeine Meinung die richtige. Erinnere dich, vor einigen hundert Jahren hielt man die Erde für flach und den Mittelpunkt des Universums. Wer anderes glaubte und gar verbreitete, wurde hingerichtet. Doch die Wahrheit setzt sich früher oder später immer durch. Wichtig ist, daß du bei dir bleibst, daß du erkennst, welchen Platz du in dem Kreislauf der Welt einnimmst und nicht versuchst einen Platz einzunehmen, den es gar nicht gibt. Was passiert, wenn du dich auf einen Stuhl setzen möchtest, der gar nicht da ist?

Du fällst hin und tust dir weh.

 

Schwieriger war natürlich zu erkennen, welchen Sinn der Hundekot hatte. Hier mußt du einfach mal schauen, was es in dir ausgelöst hat. Du hast dir jede Menge Entschuldigungen einfallen lassen, und zwar für etwas, was einfach mal passieren kann. Natürlich passiert nie etwas ohne Grund. Und dir ist das passiert, genau damit du dir diese Gedanken machen mußtest. Die Reaktion deiner Mutter dann hat dir gezeigt, wie unnötig deine Gedanken waren.

Gut, ich gebe zu, hier habe ich nachgeholfen. Ich habe für die überraschende Begegnung an der Haustüre gesorgt, die dazu führte, daß ihr beide ganz anders als üblich reagiert habt. Einfach weil Ihr überrascht wart. Es raschte über euch hinweg und hat euch keine Zeit zum Nachdenken gelassen. Und siehe da, ihr habt euer übliches Reaktionsschema verlassen.

Doch was ist nun der Sinn darin? Du hast die Reaktion deiner Mutter auf dein Mißgeschick bereits als Realität angenommen und hast daraufhin versucht, diese Zukunft planen zu wollen. Du hast viel Zeit investiert, um dir auszumalen, was alles passieren könnte und wie du darauf reagieren müßtest. Du hast dir dein Vergnügen, mit deinen Freunden zu spielen, genommen, nur um dir zu überlegen, wie du die Zukunft beeinflussen kannst, die dann aber völlig anders kam.

Du hast das gemacht, weil du Angst hattest vor einer Bestrafung. Und du hast dich gleich selber bestraft, weil du dir den Spaß mit deinen Freunden versagt hast. Erinnere dich an meinen letzten Brief. Ich schrieb, daß es kein "Gut" und kein "Schlecht" gibt. Alles ist gut, weil es dir eine neue Erfahrung bringt. Wenn du darauf vertraust, brauchst du nie mehr sorgenvoll die Zukunft planen. Du weißt dann, es kommt immer das Richtige zur richtigen Zeit. Anstatt Angst davor zu haben, freust du dich darauf. Die Angst vor der Zukunft raubt euch Menschen Energie und Lebenslust.

Vor allem macht es keinen Sinn, die Zukunft planen zu wollen, weil die Zukunft eine Zeit ist, die gar nicht existiert. Freue dich auf das, was kommt, und nimm es, wie es kommt, wenn es kommt. Aber erst dann und nicht vorher. Merke dir das bitte, denn in einer späteren Lektion über die Zeit brauchen wir das noch.

Üben kannst du dieses Vertrauen in den Moment, indem du dir unterschiedlichste Varianten der Zukunft und deine jeweilige Reaktion darauf vorstellst. Damit versuchst du nicht, eine mögliche Zukunft beeinflussen zu wollen, sondern du stellst dich nur flexibel auf verschiedene Situationen ein. Was hättest du zum Beispiel gemacht, wenn deine Mutter gar nicht da gewesen wäre?

Du hast mir in deinem zweiten Brief geschrieben, daß du schon ein sehr aufgeweckter Junge von 12 Jahren bist. Meinst du nicht, daß man mit 12 Jahren eine Bürste und eine Seife zur Hand nehmen und einen Turnschuh selber saubermachen kann? Dazu braucht man nicht unbedingt eine Mutter.

Wenn du die Zukunft planen möchtest, mußt du sehr viel früher anfangen. Nämlich bei der Ursache. Jede Schöpfung beginnt mit einer Ursache. Hast du einmal eine Ursache gesetzt, ist es zu spät zum Planen. Aber das besprechen wir zu einem späteren Zeitpunkt sehr ausführlich.

Nun wie versprochen zu einer weiteren Aufgabe. Natürlich gilt die Aufgabe, daß du dich nach dem Sinn der einzelnen Dinge fragst, nach wie vor.

Als neue Aufgabe erhältst du folgendes:

Schreibe mir einen Tag lang alles auf, was dir über die Maßen gut gefällt und was dich über die Maßen nervt. Also alles, was du gut und was du schlecht findest.

Laß dir ein bißchen Zeit dazu und nimm dir einen gewöhnlichen Tag, an dem du auch Schule hast.

In Liebe

Gott

 

Das war ein ganz schön langer Brief. Und es war gar nicht so einfach für Jona zu verstehen, was Gott ihm sagen wollte. Er las den Brief mehrfach durch. Je mehr er ihn las, um so mehr mußte er Gott Recht geben.

Obwohl es ihm schon ein wenig seltsam vorkam, daß er den Mücken von seinem Blut abgeben sollte, nur um im Energiefluß zu bleiben. Andrerseits wußte er aus der Biologie, daß er bereits in seinem Alter ca. vier bis fünf Liter Blut in seinem Körper hatte. Was machte da schon ein winziger Tropfen?

Und das mit dem, 'der Mensch ist ein Teil des Ganzen', das hat er schon mal im Religions-Unterricht und in Bio gehört. Der Religionslehrer, der redete immer so salbungsvoll, damit konnte er nicht viel anfangen. Aber den Biologielehrer, den fand er echt gut, dem konnte er glauben. Leider konnte der Lehrer damals nicht genau erklären, was er damit meinte.

Zu den Mücken fiel ihm noch ein, daß Ingo so gut wie nie von ihnen gestochen wurde. Irgendwie hatte er keine Angst vor ihnen. Die gingen immer nur auf ihn, Jona, los. Deshalb schmierte er sich im Sommer oft mit einem scheußlich riechenden Öl ein. Doch auch dann hatte er ständig Angst, daß ihn eine Mücke stechen könnte. Ganz schön viel Aufmerksamkeit, die er solch winzigen Tierchen zukommen ließ.

Der zweite Teil des Briefes war noch etwas verwirrender. Was das wohl hieß, 'die Zukunft ist eine Zeit, die nicht existiert'? Jona dachte daran, was Peter und Ingo gestern noch alles angestellt hatten. Sie hatten sich, wie so oft, am Lotteriestand im Park jeweils ein Los gekauft. Ingo hat dann 10 Euro gewonnen, und sie sofort in der Eisdiele am Park in den Riesenüberraschungsbecher investiert. Der schmeckte vielleicht! Sie fanden es schade, daß Jona nicht mit dabei war.

Der fand das jetzt nach der Lektüre des Briefes auch. Mehr noch, er ärgerte sich. Sie hatten nämlich vor zwei Wochen ausgemacht, wenn einer an dem Losstand gewinnt, dann kaufen sie sich sofort diesen Eisbecher. Eigentlich, dachte er sich, hätten die beiden doch bis zum nächsten Tag mit dem Eisbecher warten können, dann hätte er auch mitessen können. Andrerseits ist er ja freiwillig nach Hause gegangen. Er wußte nicht, auf wen er mehr wütend sein sollte, auf sich oder auf die beiden.

Er beschloß, das mit der Wut sein zu lassen, denn er hatte ja nun gelernt, daß er dafür selber verantwortlich war. Und was soll's, der Eisbecher war gegessen. Außer einem schlechten Gefühl im Bauch würde es ihm nichts bringen.

 

Jona setzte sich dann an den Schreibtisch und machte seine Hausaufgaben. Immer wieder schweifte er mit seinen Gedanken zu dem Brief ab, vor allem zu der neuen Aufgabe. Was Gott wohl mit dieser Aufstellung wollte? Alle besonders guten und schlechten Dinge, die an einem Tag passierten. Das war gar nicht so einfach. Wo sollte er zum Beispiel die Sache mit dem Hundekot hinschreiben? Daß er in den Hundekot gestiegen war, war schlecht. Seine Mutter jedoch hatte gut reagiert.

Er überlegte sich, ob er nicht einfach drei Spalten machen sollte. Eine für die guten Sachen, eine für die schlechten und eine für die Fälle, die schlecht anfingen, sich aber dann zum Guten wandelten. Er entschied sich aber dann doch für zwei Spalten, sonst hätte er wahrscheinlich alles in die mittlere Spalte geschrieben. Und das war sicher nicht Sinn der Übung.

Gerade als er mitten in der Anfertigung seines Gut-Schlecht Blattes war, hörte er seinen Vater heftig brüllen. Gleich darauf schrie Mama zurück. Oh oh, war mal wieder schlechte Stimmung angesagt. Das hieß entweder gar kein Abendessen oder eines, bei dem eisern geschwiegen wurde. Jona versuchte zu verstehen, worüber sie stritten. Aber er konnte nichts Genaues hören. Wahrscheinlich war sein Vater nur wieder schlecht gelaunt aus der Arbeit gekommen und über den Staubsauger gestolpert.

Mama liebte ihren Staubsauger, zumindest saugte sie täglich hingebungsvoll die Böden. Jona haßte den Lärm. Meistens flüchtete er, wenn Mama saugte. Für Papa ließ sie dann den Staubsauger taktisch klug im Eingangsbereich des Hauses stehen, damit der sah, wie fleißig sie war. Zumindest hatte Jona das Gefühl, daß sie es deswegen tat. Denn normalerweise sagte sein Vater nie etwas über Mamas Haushalt. Stolperte er jedoch beim Nachhausekommen über den Staubsauger und war er gut gelaunt, kam meistens ein Spruch, wie zum Beispiel: 'Ach, hat mein Frauchen mal wieder sauber gemacht.' War er schlecht gelaunt, gab es Ärger.

Mama konnte auch sehr gut kochen. Ingos und Peters Mutter kochten dagegen schrecklich, da mußte er schon mal ein Essen höflichkeitshalber runterwürgen. Nein, Mama konnte wirklich gut kochen. Aber Papa fand immer was zum Aussetzen. Meistens sagte er es dann scherzhaft. 'In wen bist du denn heute wieder verliebt, der Braten ist so versalzen'. Mama antwortete dann je nach Laune: 'wir haben einen neuen Postboten oder der Elektriker war wieder da.' Doch Jona spürte, daß sie sich über diesen dummen Scherz ärgerte.

Heute war Papa also mal wieder schlecht gelaunt. Auch gut, dann blieb er halt im Zimmer und arbeitete an seinem Blatt. Was er wohl alles eintragen sollte auf seinem Blatt? Ob so Sachen wie ein Liebesbrief von Lisa auch da reingehörten? Es war gerade große Mode in der Klasse, sich heimlich Liebesbriefe zu schicken. Er fand das ja grundsätzlich albern, aber irgendwo fühlte er sich doch geschmeichelt. Nur wo eintragen? Gut oder schlecht?

Wenn es die anderen Jungs nicht lasen, dann wohl eher bei gut. Was aber, wenn einer der Jungs das sah? Dann wäre er in der Klasse unten durch.

Lisa hatte schon ein wenig Busen, allerdings trug sie eine ziemlich häßliche Zahnspange. Solange sie nicht lächelte, sah sie wirklich gut aus. Langes blondes Haar, meistens zu Zöpfen geflochten. Die Beine waren vielleicht noch ein bißchen dürr. Aber alles in allem okay.

Da hörte er seine Mutter nach ihm rufen. Also ein schweigendes Abendessen! Am Tisch war seine Schwester Cora die einzige, die sprach. Sie redete auf Papa ein. Sie wollte in den Ferien mit ihren Freundinnen in irgendein Schullager und das kostete natürlich Geld. Es war zwar ein ungünstiger Tag für so ein Gespräch, doch Cora konnte Papa sehr gut um den Finger wickeln. Jona wußte, wenn Papa sie Mäuschen nannte, war die Sache gebongt. Er aß schweigend sein Essen und schaute gelegentlich zu Mama rüber. Die starrte nur stur in ihren Teller und sprach kein Wort.

Am nächsten Morgen packte Jona sein Gut-Schlecht-Blatt ein. In der Schule überfiel sie der Mathematiklehrer gleich mit einer Kurzarbeit und Jonas erster Gedanke war, das ist etwas für die Schlecht-Seite. Hatte er doch gestern, weil er so mit dem Brief beschäftigt war, keine Mathe geübt. Als der Lehrer die Blätter austeilte, stöhnte er innerlich. Da fielen ihm Gottes Worte ein: Es macht keinen Sinn, Dinge vorausplanen zu wollen. Dinge mußt du so nehmen, wie sie kommen, wenn sie kommen.

Umgesetzt auf diese Mathematikarbeit nun sollte das heißen: bevor er die Aufgabenstellung nicht kannte, sollte er sich keine Gedanken machen. Vielleicht konnte er ja die Aufgabe locker lösen. Gestern im Unterricht hatte er es ja auch super hinbekommen.

Jona spürte, wie mit seinen positiven Gedanken seine Zuversicht wuchs. Plötzlich war er sich sicher, daß er die Aufgabe ganz gewiß lösen werde. Nach nur 4 Minuten hatte er die erste Teilaufgabe bereits gelöst und nach weiteren 6 die beiden anderen. Er las noch mal alles durch, ging dann als erster nach vorne und überreichte stolz dem Lehrer seine Arbeit. Der guckte ihn ganz überrascht an und fragte: "Kannst du es nicht lösen, Jona?"

"Ich bin schon fertig," strahlte der ihn an. Verwundert nahm der Lehrer das Blatt entgegen, überflog es kurz und stellte mit Bewunderung fest, daß alle Ergebnisse korrekt waren. Ungewöhnlich, denn Jona zählte nicht zu den Mathe-Genies der Klasse. Plötzlich stutzte der Lehrer: "Hier fehlt etwas!"

"Was denn?" fragte Jona entsetzt.

"Vielleicht solltest du noch deinen Namen draufschreiben, damit wir auch wissen, wer eine solch tolle Arbeit abgeliefert hat."

In seinem Eifer hatte er total vergessen, Name und Datum in die erste Zeile einzutragen. Schnell holte er es nach und gab das Blatt dem Lehrer zurück, dann setzte er sich wieder an seinen Platz. Er fühlte sich gut, so richtig gut. Diese Arbeit wird er auf die Gut-Seite schreiben. Oder sollte er das gute Gefühl aufschreiben, das er durch die Worte Gottes hatte? Es waren ja eigentlich die positiven Gedanken, die ihm die ganze Energie gaben.

In der Pause kam sein Freund Peter zu ihm und machte ihm Vorwürfe, er sei ein schlechter Freund. Er hätte ihn zumindest abschreiben lassen können, wenn er schon alles richtig hatte. Überhaupt sei er ein Streber. Wahrscheinlich hat das gestern gar nicht gestimmt, daß er seiner Mutter helfen mußte, er wollte nur für die Mathearbeit üben.

Jona dachte anfangs, Peter würde scherzen. Als er aber merkte, daß er es ernst meinte, wurde er traurig. Von seinem Freund hätte er das nicht erwartet. Anstatt daß er sich über seine tolle Leistung freute, machte er ihm nur Vorwürfe. Vor allem Peter, der normalerweise immer viel besser in Mathe war.

Na ja, so hatte er zumindest auch was für die Schlecht-Seite. Peter war... was war er eigentlich? Es kam ihm fast vor wie Neid. Ja richtig, Peter war neidisch auf ihn wegen einer dummen Mathearbeit. So hatte er ihn noch nie erlebt.

Ingo dagegen meinte nur: "Coole Aktion heute." Er klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. Das machte Ingos Vater bei ihm immer. Normalerweise fand Jona das blöde, es sah so komisch aus. Doch heute erfüllte es ihn mit Stolz. Wenigstens Ingo war stolz auf ihn. Gut-Seite.

Natürlich kam auch Lisa. Mit einem leicht übertriebenen Tonfall sagte sie: "Ach, das hast du heute ganz toll gemacht, ich war ja so stolz auf dich." Noch bevor er irgendetwas erwidern konnte, machten sich Ingo und ein anderer Freund über Lisas Kompliment lustig.

"Ach ja, du warst ja so toll, ach....". äfften sie Lisa nach. Dabei legten sie eine Hand affektiert an die Stirn und ließen ihren Kopf wie in einem schlechten Fernsehfilm in den Nacken fallen. "Ihr seid vielleicht blöde Idioten", fuhr Lisa sie an und rannte heulend davon. Ingo und sein Freund konnten gar nicht mehr aufhören. Jona dachte sich nur: die Reaktion der beiden Schlecht-Seite, Lisa Gut-Seite.

Er ertappte sich dabei, wie er alles nur noch in Gut- und Schlecht-Seite einteilte. Das aber konnte Gott mit seiner Aufgabe nicht gemeint haben. Er beschloß daraufhin, einfach den Tag vorbeigehen zu lassen und erst am Abend zu entscheiden, was auf welche Seite gehörte. Vor allem sollten es besonders gute und schlechte Sachen sein. Und an die erinnert man sich gewißlich am Abend noch.

Der Tag verlief dann wie gewohnt normal, allerdings ging er heute mit Ingo alleine nach Hause. Peter hatte anscheinend ein schlechtes Gewissen und ging mit einem anderen Freund zurück. Doch Jona ließ sich seine gute Laune nicht verderben.

Zuhause erzählte er Mama ganz stolz von seiner tollen Mathearbeit. Sie wirkte aber irgendwie abwesend. "Toll, wirklich toll", sagte sie nur kurz. Das war alles. Enttäuscht ging Jona in sein Zimmer. Irgendwie wollten die wichtigsten Menschen in seinem Leben seinen Erfolg nicht teilen.

Sein Vater abends reagierte genauso lahm auf die freudige Nachricht. Er machte nur noch einen dummen Witz dazu: "Toll, da wirst du ja vielleicht ein zweiter Einstein, dann kannst du dich ja bald selber finanzieren und ich brauche nicht mehr für dich zu zahlen." Jona verstand nicht, was sein Vater damit andeutete. Auf jeden Fall fand er den Witz ziemlich blöde.

Auch dieses Abendessen verlief schweigend. Lediglich Cora bezirzte Papa. Sie wollte am Wochenende auf eine Party gehen, die ein wenig länger dauern sollte, als sie normalerweise Ausgang hatte. Sie konnte eine ganze Stunde länger herausschlagen, allerdings wollte Papa sie dafür selber abholen.

Nach dem Abendessen ging Jona schnell auf sein Zimmer. Er wollte endlich seine Liste erstellen. Als erstes trug er die Mathe-Arbeit ein und die Reaktionen darauf. Dann trug er die gutaussehende Dame beim Nachhausegehen ein. Ihr war unbemerkt ein Brief aus der Tasche gefallen. Jona sprang ihr schnell nach und gab ihr den Brief zurück. Sie hatte sich wahnsinnig darüber gefreut und ihm sogar fünf Euro geschenkt. Ingo und Jona setzten den Finderlohn sofort in Eis um.

Dann fiel ihm noch eine Szene auf dem Spielplatz beim Rollerbladen ein. Ein Vater schlug sein Kind. Er schlug mehrmals heftig auf das wehrlose Kind ein. Alle standen nur dumm da und schauten weg. Einige schauten sogar hin, aber taten nichts. Erst als das Kind heftig aus der Nase blutete, hörte der Vater auf. Ingo war der einzige, der laut rief: "Hey, das dürfen Sie nicht tun!" Doch der Mann drohte ihm ebenfalls Schläge an, woraufhin Ingo verstummte.

Als dann der Vater mit seinem Kind verschwand, gab es großes Gerede. Jeder wußte besser, was man hätte tun sollen. Jona wunderte sich nur, warum außer Ingo keiner etwas gesagt hatte, leider auch er nicht. Er zählte zwölf Frauen und zwei Männer auf dem Spielplatz. Die hätten doch locker gegen den Mann einschreiten können.

Er nahm sich vor, wenn wieder mal sowas passiert, daß er auf jeden Fall einschreiten wird. Zumindest wollte er die Erwachsenen zusammentrommeln, daß sie dann etwas unternehmen. Seine heutige Feigheit trug er also auf der Schlecht-Seite ein und natürlich, daß der Mann sein Kind so grausam schlug.

Nach einer halben Stunde hatte er 5 Gutsachen und 8 Schlechtsachen zusammen. Damit war er vollauf zufrieden. Er legte das Blatt beiseite, spielte noch ein kurzes Computerspiel, rief ein kurzes "Gute Nacht" nach unten und ging ins Bett.

 

In den nächsten 4 Tagen schrieb er jeden Abend seine Liste. Immer wieder hatte er Sachen, die er am liebsten in die mittlere Spalte, in die Erst-Schlecht-dann-Gut Seite, eingetragen hätte. Es war oft schwer, sich zu entscheiden. Allerdings passierten keine solch aufregenden Sachen mehr wie am ersten Tag.

So schickte er die Liste vom ersten Tag an Gott. Wie üblich lag am nächsten Morgen der Antwortbrief auf dem Fensterbrett. Er war an diesem Morgen sogar früher wach, das heißt er wachte von ganz alleine auf, alles war noch still im Haus. Er öffnete den Brief und begann zu lesen.

 

Lieber Jona,

vielen Dank für Deine ausführliche Liste. Das war ja ganz schön viel, was da alles an dem einen Tag passierte. Oder erschien es nur deshalb so, weil du plötzlich darauf geachtet hast? Ihr Menschen nehmt viele Dinge um euch herum oft gar nicht wahr. Es kommt darauf an, worauf ihr eure Wahrnehmung richtet. Manche Menschen sind mit großen Aufgaben betraut. Da würden solche Dinge nur ablenken und ihre Arbeit stören. Viele Menschen sind aber einfach nur unaufmerksam. Sie achten auf nichts, weil sie gar nicht wissen, daß sie auf etwas achten könnten. Und das ist schade. Denn wie du gesehen hast, es passiert ja eine ganze Menge. Viel Gutes und viel Schlechtes.

Apropos gut und schlecht. Du hast gemerkt, wie schwer es dir fiel, deine Erlebnisse in gut und schlecht einzuteilen. Auf jeden Fall war es gut, daß du dich gegen die mittlere Spalte entschieden hast. Du hast richtig vermutet, ich wollte klare Entscheidungen. Immer wieder hattest du das Problem, daß etwas am Anfang als gut erschien und sich dann als schlecht herausstellte, denke nur an die Reaktion von Peter auf deine Mathearbeit.

Oder du fandest es sehr schlecht, daß niemand einschritt, als der Mann das Kind schlug. Vor allem fandest du es besonders schlecht, daß du zu feige dazu warst. Gut war dagegen, daß Ingo etwas sagte, wenngleich er keinen Erfolg damit hatte, was wiederum schlecht war.

Die Tat an sich, also daß der Mann sein Kind schlug, hast du ebenfalls als schlecht bewertet. Aber nur, weil sich alle drum herum feige verhalten haben. Wie hättest du dich entschieden, wenn die Erwachsenen eingegriffen und den Mann zur Vernunft gebracht hätten? Wenn er sich daraufhin bei seinem Kind entschuldigt und ihm ein Eis gekauft hätte? Du hättest die ganze Geschichte unter Gut geschrieben, obwohl er in beiden Fällen sein Kind anfangs geschlagen hätte.

Du siehst, eine Unterteilung in gut und schlecht ist sehr verwirrend. Du fragst dich nun, warum ist das so schwer? Erinnere dich bitte an meine Worte: alles hat einen Sinn! Und, es gibt kein Gut und kein Schlecht.

Ich hoffe, du stimmst mir zu, wenn ich behaupte: alles, was einen Sinn hat, ist gut. Also im Grunde hättest du alles unter Gut eintragen müssen. Denn aus allem kannst du etwas lernen. Erinnere dich an die Dame, die dir fünf Euro Finderlohn gegeben hat. Das war relativ viel Geld für einen Brief. Wer weiß, was das für ein Brief war. Vielleicht war es nur Reklame? Du aber warst fröhlich gelaunt und du warst ehrlich. Das hast du ausgestrahlt. Du hast diese Dame mit deiner guten Laune und Ehrlichkeit überzeugt. Deshalb griff sie spontan zu ihrer Geldbörse und gab dir einen hohen Finderlohn.

Sie hätte aber auch vermuten können, daß du ihr den Brief aus der Tasche gestohlen hast, nur um Finderlohn zu kassieren. Sie hatte ja nicht gemerkt, daß er ihr runtergefallen war. Es hätte eine böse Szene gegeben und du hättest sie unter Schlecht eingetragen, obwohl du etwas Gutes tun wolltest.

Doch völlig egal, wie sie sich verhalten hätte, in jedem Fall hättest du eine Reaktion auf deine Aktion erhalten. Und etwas zu bekommen ist doch gut, oder? In jedem Fall hättest du etwas aus der Szene gelernt, etwas erfahren. Das ist das Wichtige. Ich schrieb ja in meinem zweiten Brief, daß die Seelen auf der Erde sind, um Erfahrungen zu sammeln.

Bei deiner Mathearbeit zum Beispiel hast du eine unangenehme Erfahrung gemacht. Du hast den Neid von Peter hervorgerufen und hast es deshalb in die Spalte Schlecht geschrieben. Doch wenn du genau hinsiehst, merkst du, daß auch das gut war, denn du hast ein paar Dinge gelernt. Zum Beispiel, daß Peter mit dem Erfolg anderer nicht gut umgehen kann. Er ist nur solange dein Freund, wie er besser ist als du. Ingo dagegen hat sich für dich gefreut. Du hast also durch die verschiedenen Reaktionen deine beiden Freunde besser kennengelernt. Du weißt nun, auf wen du dich verlassen kannst und bei wem du vorsichtig sein mußt.

Du hast zudem gelernt, daß Erfolg nicht nur positive Seiten hat. Daß du dich vor Neid schützen mußt und daß du Erfolg nicht jedem so offen zeigen darfst. Du mußt ein Gespür dafür entwickeln, wen du an deinem Erfolg teilhaben lassen kannst und wen nicht. Wenn du nämlich zu viele Neider um dich herum hast, wirst du deinen Erfolg nicht genießen können. Du bekommst ein schlechtes Gewissen, schämst dich sogar dafür, und am Ende stellt sich Mißerfolg ein. Durch den Einfluß der Neider hast du deinen Erfolg kaputt gemacht.

Du siehst also, wie schwierig es ist, über Dinge oder Ereignisse ein Urteil zu fällen. Wie oft ist es schon passiert: eine Sache sah am Anfang furchtbar aus. Nichts klappte, nichts funktionierte so, wie es geplant war. Alles ging nur schief. Und plötzlich wandelte sich das Ganze ins Positive. Aus diesen Fehlschlägen heraus entwickelte sich etwas Neues, etwas noch viel Besseres als geplant. Etwas, worauf man nie gekommen wäre, wenn das Vorgesehene funktioniert hätte. Viele bahnbrechende Erfindungen wurden so gemacht. Sie waren ein Abfallprodukt einer ganz anderen Ausgangsidee.

Was will ich nun mit all dem sagen? Du sollst verstehen, daß diese Ein-"Teilungen" in Gut und Schlecht, diese Ur-"Teile" dir nur im Wege stehen. Du kannst aus allem lernen. In allem steckt eine Erfahrung, eine Botschaft. Dazu mußt du die Dinge so nehmen, wie sie kommen. Das ist ein Teil der Erfahrungen, die deine Seele machen muß. Dazu ist sie hier auf der Erde in dieser "Art Schule".

Nun weißt du vielleicht, aus dem Schlechten, oder besser, Negativen lernt man oft mehr als aus dem Guten. Um zu wissen, ob etwas richtig ist, muß man wissen, wann es falsch ist. Um mich frei entscheiden zu können, muß ich die verschiedenen Möglichkeiten kennen. Ich muß erst mal wissen, was gut und was schlecht für mich ist. Dann verschwinden auch die Begriffe Gut und Schlecht und du wirst sie mit "dir dienlich" oder "dir nicht dienlich", und zwar immer in Bezug auf die Entwicklung deiner Seele, ersetzen.

Das bringt uns auch schon zu deiner nächsten Aufgabe:

Schreibe mir alles auf, wovon du denkst, daß du aus deinen Erlebnissen in den nächsten Tagen etwas lernen kannst und vor allem lernen sollst.

In Liebe

Gott

 

Gott schrieb manchmal schon ein wenig kompliziert. Diese vielen Wenn und Abers und die vielen Konjunktive ließen Jonas Kopf ganz schön rauchen. Trotzdem hatte er das Gefühl, alles verstanden zu haben. Er mußte des öfteren lachen, als er den Brief las, denn Gott hatte wirklich immer Recht mit seinen Vermutungen. Vor allem damit, daß ihm die Entscheidung oft sehr schwer fiel, was er unter Gut oder Schlecht schreiben sollte. Immer war etwas Gutes und etwas Schlechtes dabei. Ob Gott ihm wohl zusah, als er seine Liste anfertigte?

Er verwarf diesen Gedanken schnell wieder. Denn Gott hatte sicherlich anderes zu tun, als ihm beim Listenanfertigen zuzusehen. Überhaupt, was tat Gott eigentlich den ganzen Tag? Darüber hatte er sich noch nie Gedanken gemacht. Hatte er vielleicht Computerspiele oder ging er einer geregelten Arbeit nach? Wohl eher nicht, das machen Menschen, aber kein Gott. Was aber macht Gott dann?

Er merkte, daß er darauf mit seinem kleinen Verstand keine Antwort finden konnte. Ob wohl sein Vater das wußte, oder seine Mutter? Wahrscheinlich auch nicht. Die sind mit ihren Streitereien viel zu beschäftigt. Ob Gott wohl streitet? Aber mit wem? Vielleicht mit dem Erzengel Gabriel? Nein, Streiten paßte irgendwie nicht zu Gott. Also was machte er nur?

In diesem Moment fiel Jona auf, daß ihn seine Mutter noch gar nicht geweckt hatte. Er schaute auf seine Armbanduhr, ein Firmungsgeschenk seines verstorbenen Opas, und erschrak. Es war bereits nach seiner üblichen Aufstehzeit. Mama hatte verschlafen. Schnell sprang er aus dem Bett und lief nach unten ins Schlafzimmer seiner Eltern.

Hektisch weckte er seine Mutter. "Mama, Mama, aufstehen, wir haben verschlafen."

Seine Mutter hob schlaftrunken ihren Kopf, sah Jona an und stammelte: "Schatz, es ist Samstag, heute ist keine Schule." Sie drehte sich um und schlief weiter.

Jona saß sprachlos am Bettrand. Das war ihm noch nie passiert. Aber er hatte auch noch nie einen Briefwechsel mit Gott. Das kann einen schon durcheinander bringen. Beim Rausgehen bemerkte er, daß sein Vater gar nicht im Bett neben Mama lag. Kissen und Bettdecke waren auch weg.

Sein Vater war doch gestern Abend da? Also müßte er ja auch hier geschlafen haben? Er hatte nichts von einer Geschäftsreise erwähnt? Ein wenig verwundert tappte Jona ins Wohnzimmer, und siehe da, sein Vater lag leise vor sich hinschnarchend auf der Couch. Vielleicht hatte er einfach zu laut geschnarcht und mußte deswegen auf die Couch umziehen. Seine Eltern hatten schon des öfteren Streit deswegen.

Um seinen Vater nicht aufzuwecken, schlich er sich auf Zehenspitzen zurück in sein Zimmer. Er wollte nicht mehr schlafen, und so lud er sich ein Computerspiel auf den Bildschirm. Es war eines der Spiele, bei dem man den Spielverlauf, wenn man gut war, selber verändern konnte. Man konnte sogar, aber das hatte er noch nie geschafft, den Spielverlauf komplett umdrehen. Da wurden dann die Bösen zu Guten und alle kämpften für die gleiche Sache. Viermal so viel wie normal konnte man dann punkten. Peter hat es angeblich einmal geschafft. Aber nach der komischen Reaktion von neulich konnte ihm Jona nicht mehr so recht glauben. Wahrscheinlich wollte er bloß angeben.

Zwei Stunden spielte er ziemlich erfolglos, seine Gedanken schweiften immer wieder zu dem Brief und zu der morgendlichen Szene im Schlafzimmer seiner Eltern ab. Endlich dann rief ihn seine Mutter zum Frühstück.


Kapitel 2

 

Papa und Mama sprachen am Tisch kein Wort miteinander. Cora war damit beschäftigt, sich Lockenwickler in die Haare zu drehen. Sie präparierte sich bereits für ihre Party. Lockenwickler waren bei ihr in der Klasse gerade voll angesagt. Da mußten alle Haare in Korkenzieherform locker nach unten hängen. Seine Schwester hatte nur das Problem, daß sie völlig glatte Haare hatte. Drum mußte sie die Lockenwickler möglichst lange drin lassen. Bevor sie die Dinger dann herausnahm, sprühte sie sich ungefähr eine Tube Haarspray ins Haar. Das stank furchtbar. Jona konnte den ganzen Aufwand nicht verstehen, aber seine Schwester konnte er eh nicht verstehen.

Wenn ihre Freundinnen da waren, dann kicherten sie die ganze Zeit herum. Sie redeten ständig über Jungs, und kaum fiel irgendein Name, dann kicherten sie doppelt so laut, oder sie kriegten einen so komischen sehnsüchtigen Blick wie der Rauhhaardackel von Peters Eltern, wenn er am Tisch bettelte. Jona war froh, ein Junge zu sein. Jungen machten sowas nicht. Die unterhielten sich über Computer oder über Sport. Das mit den Mädchen war nicht so wichtig.

So aßen sie eine ganze Weile schweigend vor sich hin, bis plötzlich Jona völlig ahnungslos mit der Frage herausplatzte: "Sag mal Papa, warum hast du heute Nacht auf der Couch geschlafen?"

Es war, als hätte er eine Bombe gezündet. Sein Vater versuchte erst zu leugnen, dann aber fiel ihm Mama in den Rücken. "Warum sagst du ihnen nicht einfach die Wahrheit, früher oder später werden sie es ja doch erfahren?"

"Was werden wir erfahren, Papa?" hakte Jona unbedarft nach.

Papa war überrumpelt. Langsam stammelnd versuchte er die Situation zu erklären.

"Also das war so.... ich meine.... es ist so, daß eure Mutter und ich, also.... ich will sagen, wir haben da so ein Problem...."

"Ach, 'so ein Problem da' haben wir also?" unterbrach ihn Mama spitz. "Also ich würde sagen, wir haben nicht nur 'so ein Problem da', sondern wir haben das klassische Problem von verheirateten Paaren, nämlich ein Beziehungsproblem."

"Mußt du denn so taktlos vorgehen, ich will es den Kindern schonend beibringen." raunzte Papa zurück.

"Was beibringen, Papa?" Jona war allmählich beunruhigt.

"Also, mein Junge...." antwortete Papa.

Das verhieß nichts Gutes. Wenn Papa zu ihm 'mein Junge' sagte, dann war etwas Großes im Busch.

"Also mein Junge und natürlich auch du meine Tochter, Mama und ich haben uns überlegt, ob es nicht besser wäre, wenn wir, also besser für uns beide, Mama und mich, wenn wir uns mal, nur für kurze Zeit, wenn wir uns mal ein wenig aus dem Weg gehen."

Zum ersten Mal in diesem Gespräch hob Cora ihren Kopf, in der rechten Hand hielt sie einen Lockenwickler fest. Mit leicht zittriger Stimme fragte sie: "Was soll das heißen, Papa?"

Mama kam ihm mit der Antwort zuvor. "Bevor Papa wieder so unverständlich herumstammelt, erkläre ich es dir, Schatz. Papa und ich wollen uns trennen. Nur mal für kurze Zeit. Einfach um zu sehen, ob wir noch zusammengehören oder nicht."

"Ihr wollt euch scheiden lassen, gebt es doch zu." Cora sprang so heftig auf, daß ihr Stuhl laut krachend nach hinten umfiel. Sie raffte ihre Lockenwickler zusammen und rannte aufgebracht in ihr Zimmer. Mit einem lauten Knall warf sie die Türe hinter sich zu.

Jona staunte. So hatte er sie schon lange nicht mehr erlebt. In der letzten Zeit war sie immer so cool gewesen. So, als würde sie die Familie nichts angehen. Aber anscheinend war das nur Tarnung. Doch abgesehen von seiner Schwester, so ganz blickte er selbst nicht durch, was nun zwischen seinen Eltern los war.

"Könnt ihr mir erklären, was ihr jetzt tun wollt? Wollt ihr euch scheiden lassen?"

"Nein, natürlich nicht. Wir wollen nur mal sehen, was unsere Ehe noch ...." Papa suchte nach einem passenden Wort.

"...Ob wir noch zusammenpassen oder ob wir uns besser trennen," beendete Mama den Satz.

"Aber warum wollt ihr euch trennen, es war doch bisher immer so schön?" Langsam verstand er. Ein dicker Klos machte sich in seinem Hals breit. Sein Puls raste und Tränen schossen ihm in die Augen. Er wollte jetzt aber nicht weinen. Nein, das war ihm peinlich.

"Ihr wollt euch doch nicht wirklich trennen? Sagt mir, daß ihr euch nicht wirklich trennen wollt." Ängstlich schaute er von einem zum anderen. Er spürte, daß es ihnen ernst war.

"Und wo bleibe ich dann?" fragte er leise und kämpfte wieder gegen seine Tränen.

Mama nahm ihn tröstend in ihre Arme. "Du bleibst natürlich bei mir." Dabei strich sie ihm zart über die Haare. "Papa zieht erst mal zu Onkel Franz. Der hat ihm ein Zimmer angeboten. Dann sehen wir weiter."

Jona schaute zu seinem Vater. Der saß eingesunken auf seinem Stuhl und blickte verlegen zu Boden. "Ja, es wird nicht für lange sein, nur kurz, nur damit ich mal ein bißchen zu mir komme," stammelte er leise.

Jona verstand nicht, was sein Vater damit meinte. Aber er wollte auch nicht mehr fragen. Zum Schluß war es noch etwas Unangenehmes. Und davon hatte er heute schon genug.

"Ich geh auf mein Zimmer. Ich habe keinen Hunger mehr." Mit diesen Worten befreite er sich aus Mamas Armen, drehte sich um und ging. Er legte sich auf sein Bett. Gedanken rasten wild durch seinen Kopf. Vielleicht konnte er ja verhindern, daß Mama und Papa sich trennten? Aber wie konnte er das anstellen? Jetzt hätte er gerne einen großen Bruder gehabt, mit dem er die Situation hätte besprechen können. Ob er wohl mit Cora darüber reden konnte?

Jona stand auf und ging über den Gang zu Coras Zimmer. Er klopfte an. Seit zwei Jahren mußte er immer anklopfen, wenn er zu Cora ins Zimmer wollte. Sie wollte nicht, daß er sie nackt sehen konnte. Total dämlich, wo er doch gar kein Interesse hatte, sie nackt zu sehen.

Cora reagierte auf sein Klopfen nicht, also klopfte er nochmals. Als er wieder nichts hörte, ging er einfach rein. Cora lag auf dem Bett und hörte Musik über Kopfhörer. Sie hatte die Musik so laut aufgedreht, daß sie ihn gar nicht wahrnahm.

In weitem Bogen ging er um sie herum, er wollte sie nicht erschrecken. Trotzdem zuckte Cora heftig zusammen. Jona machte sich schon auf einen ihrer üblichen Schreianfälle gefaßt, doch Cora blieb ruhig. Sie nahm den Kopfhörer ab und fragte ihn, was er wolle.

"Sag mal, weißt du, was Mama und Papa vorhaben?"

"Ganz einfach, sie trennen sich jetzt und in einem Jahr lassen sie sich scheiden," antwortete Cora trocken.

"Aber sie haben doch gesagt, daß sie sich nur kurz trennen wollen," hielt Jona entgegen.

"Und das glaubst du? Bei mir in der Klasse ist ein Mädchen, die hat letztes Jahr genau das Gleiche mit ihren Eltern erlebt. Es hat nicht mal ein Jahr gedauert, dann waren sie geschieden. Das wird bei unseren Eltern nicht anders laufen. Papa wird irgendeine andere kennenlernen und dann haben wir eine neue Mutter."

Cora wirkte total cool dabei. Jona wunderte sich. Wie kann man in so einer Situation so abgeklärt bleiben? Doch er spürte, daß es hinter ihrer Fassade brodelte wie in einem Vulkan. Er hätte sie jetzt gerne in die Arme genommen. Doch er wußte genau, sie würde ihn nur zurückstoßen. Früher hatte sie ihn ständig in die Arme genommen und ihn bemuttert wie Mama. Doch seit zwei Jahren war das total anders.

Da erinnerte er sich an die Aufgabe, die Gott ihm gestellt hatte. Daß alles im Leben einen Sinn hätte und für ihn eine Botschaft oder eine Erfahrung bereit halte. Sofort fragte er seine Schwester: "Sag mal, Cora, glaubst du, daß diese Scheidung für uns beide einen Sinn hat?"

Cora blickte ihn an, als hätte er gerade sein letztes bißchen Verstand verloren. "Einen Sinn? Diese Trennung? Vielleicht um uns weh zu tun? Oder um uns mal so richtig eins reinzuwürgen? So einmal richtig megamäßig voll durch die Scheiße?" Ihre angestaute Wut brach plötzlich heraus.

"Nein, ich mein das ganz ernst, das mit dem Sinn."

"Also ich weiß ja, daß du manchmal ein bißchen sonderbar bist. Aber das ist ja nun wirklich das Dümmste, was du in der letzten Zeit von dir gegeben hast." Damit setzte sie ihre Kopfhörer wieder auf und beendete das Gespräch. Jona sah ein, daß er mit ihr darüber nicht reden konnte.

Aber mit wem sollte er sonst reden? Seine Freunde würden das Problem nicht verstehen. So ging er wieder zurück in sein Zimmer und ließ sich aufs Bett fallen. Seine Gedanken kreisten ständig um die Trennung. Was konnte er tun? Wie konnte er sie verhindern? Welchen Sinn soll es denn für ihn haben? Doch so sehr er darüber nachdachte, so wenig konnte er das Ganze verstehen.

Er träumte ein wenig weg - und plötzlich erschien ihm ein Mann. Der saß da auf einem Felsbrocken. Jona hatte keine Ahnung, wer er war und woher er kam. Er schien freundlich zu sein, er schaute Jona an und grüßte ihn. Jona grüßte zurück. Dann stellte er sich vor. Sein Name war Thomas. Er erinnerte ihn ein wenig an seinen Biologielehrer, der trug auch so einen Schnauzbart. Jona wußte nicht, was er sagen sollte, da redete Thomas auch schon weiter.

"Ich weiß, du heißt Jona und du suchst jemanden zum Reden."

Jona riß die Augen auf. Woher kannte er seinen Namen, und woher wußte er, daß er mit jemandem reden wollte?

"Du fragst dich gerade, woher ich das alles weiß? Nun, ich kenne dich gut, wahrscheinlich besser, als du dich selbst. Du möchtest mit jemandem sprechen, um zu verhindern, daß sich deine Eltern trennen."

"Ja richtig...," antwortete Jona zögerlich.

"Nun, dann solltest du dich erst mal fragen, warum du das willst."

"Aber das ist doch klar, Mama und Papa gehören zusammen." Jona verstand nicht so ganz, worauf Thomas hinauswollte.

"Woher willst du das wissen, Jona?" Er betonte dabei das DU besonders stark.

"Das ist doch immer so: Mutter und Vater gehören zusammen."

"Bist du sicher? Sieh dich doch mal bei deinen Freunden in der Klasse um. Wie viele der Eltern leben da noch zusammen?"

Darüber hatte Jona noch nie nachgedacht. Er bemerkte nach einer Weile, daß bei gut der Hälfte aller Kinder die Eltern geschieden waren oder getrennt lebten. Aber es konnte doch nicht der Sinn einer Familie sein, sich zu trennen?

"Ist das denn gut, wenn Eltern sich trennen?" fragte er unsicher.

"Das habe ich nicht gesagt. Aber ich habe auch nicht gesagt, daß es gut ist, wenn Eltern in jedem Fall, bis daß der Tod sie scheidet, wie es bei euch heißt, auf Gedeih und Verderb zusammen bleiben. Manchmal ist eine Trennung besser als eine erzwungene Gemeinschaft. Überlege dir doch erst mal, was die Trennung für dich bedeutet, welche Konsequenzen und welchen Sinn sie für dich haben kann. Überlege dir, warum du nicht willst, daß sich deine Eltern trennen. Was passiert, wenn deine Eltern nur wegen dir zusammenbleiben, dafür aber tagein tagaus streiten? Glaubst du nicht, daß dann dein Wunsch ein wenig egoistisch wäre?"

Damit hatte Jona ja nun gar nicht gerechnet. Da erscheint ihm jemand und hält ihm vor, er sei egoistisch. Das ist doch etwas, was Mama Papa immer vorwirft. So ganz hatte er die Bedeutung des Wortes noch nicht verstanden. Es hatte irgendwas mit dem Ich zu tun, daß man sich selber wichtiger nimmt als die anderen.

Vorsichtig, er wollte sich ja keine Blöße geben, fragte er nach. "Entschuldigen Sie, Herr Thomas, was soll das heißen, daß mein Wunsch egoistisch wäre?"

"Zunächst einmal sage bitte nur Thomas zu mir, wie zu deinen Freunden auch, denn wir werden noch sehr gute Freunde. Und dann, egoistischer Wunsch bedeutet, daß es nur für dich das Beste ist, nicht aber für deine Eltern."

Jona ahnte, was das heißen sollte. "Wie kann ich das denn feststellen?"

"Hierzu nimmst du dir einfach ein wenig Zeit, und denke darüber nach, was du aus der Trennung lernen kannst. So, ich muß nun wieder gehen."

"Jetzt schon?" Er hatte Angst, seinen neuen Freund gleich wieder zu verlieren. "Wie kann ich dich denn wieder treffen?"

"Indem du es machst wie heute: lege dich auf dein Bett, du kannst natürlich auch sitzen, schließe die Augen, entspanne und entspanne und dann rufe mich."

"Kannst du mich denn hören?"

"Oh ich bin immer ganz nah bei dir. Es genügt schon, wenn du nur an mich denkst."

"Wo wohnst du denn?" fragte Jona neugierig.

"Du weißt es!" Mit diesen Worten verschwand Thomas, und Jona lag hellwach auf dem Bett. Er hatte gar nicht bemerkt, daß er eingeschlafen war. Sofort schweiften seine Gedanken wieder zu der Frage: Was kann er aus der Trennung seiner Eltern lernen?

Nach ungefähr einer Stunde gab er auf. Er kam einfach nicht hinter den Sinn. Vielleicht würde er ja mit der Zeit drauf kommen.

Er stand auf, schnappte sich seine Rollerblades und ging zu Ingo. Der wollte ebenfalls gerade los und so gingen sie gemeinsam zum Spielplatz. Sie wollten endlich mal die neugebaute Halfpipe ausprobieren. Sie war doppelt so hoch wie die alte.


Kapitel 3

 

Auf dem Weg zum Spielplatz erzählte Jona dann doch von der Trennung seiner Eltern. Ingo hörte ihm geduldig zu. Er fragte immer wieder nach, vor allem auch, wie Jona sich dabei fühlte. Ingo war wirklich ein guter Freund. Er versuchte ihn ein wenig aufzumuntern. Er meinte, seine Mutter pflege in solchen Fällen immer zu sagen: 'Alles wird gut'. Aber, da waren sie sich einig, in diesem Falle klang das albern.

"Sag mal, worüber streiten denn deine Eltern immer?" fragte Ingo nach einer Weile.

"Eigentlich immer um ...." Jona konnte es gar nicht genau sagen, es war oft so unwichtig, ".... um Kleinigkeiten. Mal, weil Papa das Essen nicht schmeckt, mal, weil irgendwas falsch aufgeräumt ist und Papa es nicht finden kann. Einmal gab es einen Riesenknatsch, weil Papa sein Lieblingshemd nicht finden konnte. Dabei hatte er es selbst zwei Tage zuvor in die Wäsche gesteckt. Dann hat er Mama angeschrien, daß sie öfters waschen soll."

"Mein Papa wäscht oft selber, manchmal färbt er dabei die gesamte Wäsche rot oder blau ein. Aber Mama findet das okay. Mir hat er vor kurzem mein Lieblings-Shirt blau gefärbt. Dann hat er mir einfach ein neues gekauft. Das war echt cool."

Jona seufzte. "Wenn das bei uns passieren würde, dann würden meine Eltern eine ganze Woche lang nicht mehr miteinander reden."

"Eine Woche, wegen so einer Lappalie?" Ingo staunte. "Da steckt sicher was anderes dahinter. Ich weiß zum Beispiel, mein Onkel und meine Tante hatten auch mal einen heftigen Streit. Die haben sich auch wegen jedem Scheiß angebrüllt. Dann hat sie mein Vater zu einem Gespräch eingeladen, und es hat sich herausgestellt, daß sie beide aufeinander sauer waren, weil beide Kinder wollten. Aber jeder glaubte vom anderen, daß der keine Kinder wollte. Mein Gott, haben die gelacht und geheult, als das klar war. Erwachsene sind schon komisch."

"Und? Haben sie jetzt Kinder?" fragte Jona neugierig.

"Logisch, das sind die Zwillinge, die manchmal bei uns zu Besuch sind."

Die beiden mußten lachen. Ingo hatte schon Recht, Erwachsene sind komisch. Ob sie wohl auch so werden, wenn sie erwachsen sind?

Auf dem Spielplatz kurvten schon viele Kinder mit einem Heidenlärm herum. Die beiden machten sich fertig, zogen ihre Gelenkschützer an und stürzten sich ins Getümmel. Sie drehten erst ein paar Runden zum Warmwerden, dann gingen sie zur neuen Halfpipe.

Die war ganz schön hoch, fast zwei Meter. Sie reihten sich in die Schlange davor ein und warteten. Je näher die Reihe an Jona kam, um so heftiger schlug sein Herz. So eine große Halfpipe war er noch nie gefahren, und es waren ein paar ältere Jungs so zwischen 14 und 15 Jahren da, die schon richtig gut drin fuhren.

"Los, jetzt geh endlich rein!" schnauzte ihn ein älterer Junge von hinten an. Er hatte gar nicht bemerkt, daß gerade zwei Jungs aufgehört hatten und er jetzt an der Reihe war. Ingo war schon drin und holte Schwung, um nach oben auf die Brüstung zu kommen. Jona holte ebenfalls Schwung. Aber irgendwie fühlte er sich nicht wohl. Er wollte gerade aussteigen, da raunzte ihn ein Junge von der Brüstung oben an. "Jetzt mach endlich zu, du Lahmarsch. Mach rauf hier, ich will fahren." Jona nahm all seinen Mut zusammen und versuchte hochzukommen. Je höher er kam, desto heftiger hörte er sein Herz pochen.

Jetzt fingen auch noch die anderen beiden Jungs auf der Brüstung an: "Hey Schlaffi, was ist los? Soll dich deine Mami hochschieben?" Jona wollte gerade noch etwas zu den beiden sagen, da rutschte er weg und knallte voll mit dem Kopf in die Halfpipe.

Als er wieder zu sich kam, schob man ihn gerade auf einer Trage in einen Krankenwagen. Ingo saß ganz aufgeregt neben ihm. Der Sanitäter wollte, daß er mitfuhr. Er sollte ihm den Namen und die Adresse sagen, damit sie seine Eltern verständigen konnten. Jona spürte einen dumpfen Schmerz in seinem Kopf.

Ingo bemerkte als erster, daß er wieder bei Bewußtsein war. Er hatte schon Angst, daß er tot wäre, weil er so regungslos dalag, erzählte Ingo ganz aufgeregt. Es hätte auch ewig laut gekracht, als er mit dem Kopf in die Halfpipe knallte. Der ganze Spielplatz hat geguckt, und er war über eine viertel Stunde lang bewußtlos.

Dann beugte sich der Sanitäter über Jona und sagte ihm, daß alles wieder gut würde, daß er sich keine Sorgen machen müsse, die Flasche sei nur zur Sicherheit. Erst jetzt bemerkte Jona die Infusionsflasche über sich und den Schlauch, der irgendwo in seinen rechten Arm hineinging. Er wußte, was das war. Als sein Opa an Krebs starb und er ihn öfters im Krankenhaus besuchte, hatte er auch immer so eine Flasche am Bett.

Angst befiel ihn, ob er jetzt auch sterben mußte?

Ingo merkte, daß irgendetwas nicht stimmte. "Hey, Mann, was ist los mit dir?"

"Ich will nicht sterben! Mein Opa hatte auch immer so eine Flasche und ist dann gestorben."

Der Sanitäter lachte nur. "Die soll doch nur deinen Kreislauf unterstützen. Du hast einen ziemlich starken Schock und da machen wir das immer. Zur Sicherheit gegen Kreislaufkollaps. Reine Vorsichtsmaßnahme."

Jona beruhigte sich ein wenig. Als sie am Krankenhaus ankamen, waren Mama und Papa schon da. Man hatte sie über Funk verständigt. Mama war ganz aufgeregt und sagte immer nur: "Oh mein armes Baby."

Jona war das furchtbar peinlich. Schließlich war er ja schon 12 Jahre alt und kein Baby mehr. Aber sein Kopf tat ihm zu weh, um das mit Mama auszudiskutieren. Papa sprach mit der Ärztin. Nach dem Röntgen stellte sie fest, daß er großes Glück gehabt hatte. Nur eine schwere Gehirnerschütterung, kein Schädelbruch. Seitlich am Kopf über dem Ohr hatte er noch eine große Platzwunde. Sie wurde mit fünf Stichen genäht, nach zwei Stunden war alles vorbei.

Ingo tappte geduldig überall hin mit, hörte sich die tausend Vorwürfe von Mama an und versprach ebenso oft, beim nächsten Mal vorsichtiger zu sein. Papa sagte gar nichts, nur einmal beugte er sich über Jona, schaute ihm tief in die Augen und sagte: "Das wird schon wieder, mein Junge."

Es war mit Sicherheit kein besonders toller Satz. Aber Jona merkte, daß sich Papa wirklich Sorgen machte und ihm etwas Aufmunterndes sagen wollte. Papa wirkte so ernst dabei, wie er ihn schon lange nicht mehr erlebt hatte. Was ihn besonders verwunderte, Papa machte ihm keinerlei Vorwürfe. Irgendwie, da hatte Ingo recht, waren Erwachsene schon komisch. Man konnte nie genau vorhersagen, wie sie sich verhalten würden.

Nachdem er komplett versorgt war, brachte ihn eine Schwester in ein Krankenzimmer. Dort lagen bereits zwei andere Jungs. Der eine war so um die 8 Jahre, der andere um die 14 Jahre alt. Mama wollte gar nicht nach Hause gehen, aber die Ärztin meinte, daß Jona nun Ruhe bräuchte und schlafen sollte.

Als Papa sie fast schon zur Türe hinausgezogen hatte, riß sie sich nochmals los und gab Jona einen vorsichtigen Kuß auf die Wange. Papa winkte und versprach, am nächsten Tag vorbeizuschauen. Ingo verabschiedete sich mit ihrem üblichen Gruß: Faust gegen die Brust und dann die Fäuste aneinander reiben. Das hatten sie aus einem Film. Jona dankte ihm noch für seine Hilfe, dann gingen sie endlich. Er war erschöpft und schlief kurz später ein.

 

Am nächsten Morgen wurde er unsanft geweckt. Zwei Schwestern knipsten das Licht an und verbreiteten eine furchtbare Hektik. Jona sah an der großen Uhr im Zimmer, daß es erst fünf nach sechs war. Draußen ging gerade die Sonne auf. Zwei, drei Strahlen blitzten durchs Fenster. Die anderen beiden kannten das Ritual bereits. Sie standen auf, gingen ins Bad, putzten die Zähne, kämmten sich und gingen auf die Toilette. In der Zwischenzeit machten die zwei Schwestern ihre Betten.

Jona wollte auch aufstehen, doch die Schwestern pfiffen ihn sofort zurück. Er solle sich ja nicht bewegen. Er habe eine starke Gehirnerschütterung, und da sei es das Beste, einfach ganz ruhig liegen zu bleiben, erklärten sie ihm. Er gehorchte gerne, denn er spürte einen stechenden Schmerz im Kopf. Die Schwestern zogen dann nur das Bettlaken unter ihm straff, schüttelten seine Decke auf und waren auch schon wieder verschwunden.

Seine beiden Zimmerkameraden kamen zu ihm ans Bett. Sie waren natürlich neugierig. Sein dicker Verband am Kopf sah aus wie ein Turban. Er fing an zu erzählen. Plötzlich hatte er das Gefühl, daß er die Geschichte ein wenig aufbauschen müßte. Er konnte doch nicht sagen, daß er aus Angst gestürzt war. So erzählte er, daß er bei einer hohen Drehung das Gleichgewicht verloren hätte und dabei mit dem Kopf aufgeschlagen sei.

Die beiden bewunderten ihn für seine mutige Akrobatikfigur. Sofort bekam er ein schlechtes Gewissen, daß er geschwindelt hatte. Doch wie sollte er da jetzt wieder rauskommen, ohne sein Gesicht zu verlieren? Deshalb lenkte er ab, indem er sie nun seinerseits ausfragte.

Der Ältere hieß Sebastian, er war nun schon seit zwei Monaten im Krankenhaus und machte zur Zeit eine Chemotherapie. Er hatte Krebs. Deshalb hatte er zur Zeit auch keine Haare, was ihn sichtlich störte. Aber bei einer Chemotherapie fallen die Haare immer aus, wie er voll Nachdruck versicherte.

Der Jüngere hieß Robert und er war hier, weil er an Neurodermitis litt. Er war schon lange hier, er war eigentlich meistens in irgendwelchen Krankenhäusern. Seine Neurodermitis zeigte sich als so bedrohlich, daß es für ihn am sichersten im Krankenhaus war. Vor allem aber auch, weil seine Eltern immer so beschäftigt waren. Deshalb besuchten sie ihn nur selten, sie riefen aber täglich an.

Gerade als Jona die beiden fragen wollte, wann es denn Frühstück gäbe, ging die Türe auf und eine Schwester brachte drei große Tabletts. Eigentlich hatte er großen Hunger, aber als er das Essen sah, wurde ihm übel. Die Schwester erklärte ihm, daß das bei einer Gehirnerschütterung ganz normal sei. Trotzdem solle er versuchen, zumindest ein wenig zu essen, damit er bei Kräften bleibe.

So aß er eine halbe Scheibe Brot und trank ein wenig Tee und legte sich dann wieder in sein Kissen zurück. Irgendwie strengte ihn das bißchen Essen und Reden gewaltig an, und so döste er fast den ganzen Tag vor sich hin. Mama, Papa und auch Ingo besuchten ihn kurz. Doch er war immer schnell müde und so blieben sie nicht lange. Einen kurzen Moment nicht aufgepaßt, konnte das Leben schon gewaltig durcheinander bringen, dachte er sich noch kurz vor dem Einschlafen am Abend.

Am nächsten Morgen wiederholte sich die Hektik mit dem Bettenmachen und dem Frühstück. Diesmal konnte er aber schon mehr essen. Gegen halb acht dann kam eine Gruppe von Ärzten herein. Alle in weißen Kitteln mit ernsten Gesichtern und Notizblöcken in der Hand. Vorne weg ein etwas älterer, er machte ein ganz besonders wichtiges Gesicht.

Er schnappte sich das Krankenblatt von Jona, blätterte darin herum, warf einen kurzen Blick auf ihn und drehte sich dann zu seiner Ärztin um. Sie schilderte ihm kurz den Fall, woraufhin sich der Arzt zu Jona zurückwandte und sagte: "Aha, Rollerbladeunfall. Tut irgendwas weh, junger Mann?"

Jona war so verdutzt, daß er nur verneinend den Kopf schüttelte. Sofort spürte er einen stechenden Schmerz im Kopf. Genau das sollte er in der nächsten Zeit vermeiden, meinte der Arzt noch, dann wandte er sich Sebastian und Robert zu. Auch hier brachte er nur einen kurzen Satz heraus, und dann waren sie schon wieder verschwunden.

"Das geht jeden Morgen so," erklärte Sebastian, "irgendwie witzig."

Fünf Minuten später wurden Robert und Sebastian zu ihren speziellen Behandlungen abgeholt. Jona war nun allein im Zimmer. Jetzt wäre sein Computer gut gewesen oder irgendetwas zum Lesen. Hoffentlich brachte ihm Mama die Sachen heute mit, die er ihr aufgetragen hatte.

So ließ er seinen Blick durchs Zimmer schweifen. Neben der großen Uhr entdeckte er plötzlich ein Kruzifix. Das hatte er gestern gar nicht gesehen. Sofort mußte er an Gott denken. Und sofort dachte er auch wieder an die Worte Gottes: alles im Leben hat einen Sinn.

 

Alles im Leben hat einen Sinn! Er wußte nicht, ob er lachen, weinen oder wütend sein sollte. Da lag er mit riesigem Brummschädel im Krankenhaus und das sollte nun gut für ihn sein? Jetzt, wo zuhause alles drunter und drüber ging, muß er hier im Krankenhaus liegen? Der Gedanke machte ihn wütend. Andererseits, warum sollte ihm Gott Unsinn erzählen? Gott war nicht wie sein Vater, der ständig blöde Witze machte. Was meinte Gott mit: die Erde ist eine Art Schule?

Jetzt hätte er wieder jemanden zum Reden gebraucht. Jemanden wie Thomas. Das war eine gute Idee. Was hatte Thomas gesagt? Einfach entspannen und ganz fest an ihn denken. Ob das wohl funktioniert? Einfach an ihn denken und schon ist er da, wiederholte Jona nachdenklich. Klang ein bißchen einfach. Andererseits, was konnte er schon verlieren. Er legte sich in sein Kissen zurück, schloß die Augen, atmete mehrmals tief durch und dachte fest an Thomas.

Er wußte nicht, wie lange es dauerte. Aber plötzlich stand Thomas vor ihm. Diesmal hatte er etwas anderes an. Diesmal war er ganz leger gekleidet.

"Hallo Jona, wie gefällt es dir im Krankenhaus?" grüßte er. Jona blickte verwundert drein, er hatte doch noch gar nichts vom Krankenhaus erzählt?

"Du wunderst dich, daß ich alles über dich und deine Gedanken weiß?" Thomas lachte herzhaft. "Ich habe dir doch gesagt, daß ich immer ganz nah bei dir bin."

Jona stutzte. Woher wußte Thomas das alles? Wo war er?

"Ich bin in dir, ich weiß alles über dich, ich bin dein Berater. Ich kenne alle deine Wünsche, Hoffnungen und Ängste. Selbst die, die dir selber nicht bewußt sind. Ich habe den Schlüssel für das Tor zu deinem Unterbewußtsein."

Jona wurde es unheimlich. Unterbewußtsein, Schlüssel, Tor, Berater? Was sollte das?

"Ich spüre, daß du Angst vor mir hast. Aber sie ist unnötig. Ich bin dein Freund und Berater, ich arbeite für dich. Wenn du mir vertraust, kann ich viel für dich tun."

"Woher kommst du und ...  wer hat dich geschickt?"

"Gott hat mich geschickt. Das heißt, er hat mir gesagt, ich möge mich dir zu erkennen geben. Denn da bin ich schon immer. Vielleicht kennst du mich unter dem Namen Heiliger Geist oder Schutzengel."

Das verstand er nun. Vor vier Wochen war er ziemlich leichtsinnig gewesen. Er machte alle möglichen Tricks mit seinem Fahrrad. Plötzlich fuhr er, ohne zu schauen, auf die Hauptstraße. Er hörte nur noch lautes Reifenquietschen. Knapp zehn Zentimeter vor ihm kam das Auto zum Stehen. Zu seinem Glück hatte der Fahrer superschnell reagiert.

"Ja, das habe ich gerade noch verhindern können. Es sollte eine Warnung sein, weil du immer unvorsichtiger Fahrrad gefahren bist."

"Oh, das war eine Warnung!? Der Autofahrer hat mich angebrüllt, als wollte er mir den Kopf abreißen."

"Du mußt ihn verstehen. Der ist wegen dir furchtbar erschrocken. Mit einem Schlag hast du ihn unter Hochspannung gesetzt, ihm einen Adrenalin-Schock verpaßt. Das ist Energie pur, und diese Energie mußte wieder raus."

"Ich hab mich aber auch dafür entschuldigt."

"Und du bist danach wieder viel vorsichtiger gefahren. Ich weiß. Nun aber zu deiner Frage."

"Welche Frage?" Jona guckte ganz verdutzt.

"Du willst doch wissen, warum du jetzt im Krankenhaus liegst?"

"Ja genau, ich kann beim besten Willen keinen Sinn darin entdecken. Ich sollte jetzt zuhause sein, damit ich verhindern kann, daß Mama und Papa sich scheiden lassen."

"Vielleicht liegst du ja genau deswegen hier im Krankenhaus. Gott hat dir doch schon gesagt, daß manchmal Dinge im ersten Moment schlecht erscheinen. Erst im zweiten Moment stellt man fest, daß es so doch am besten war, wie es dann gekommen ist. Woher willst du denn wissen, daß es gut ist, wenn du dich einmischst? Manchmal ist es besser, Dinge einfach laufen zu lassen. Vielleicht würdest du ja mit deinen Bemühungen genau das Gegenteil bewirken."

Jona hörte geduldig zu.

"Denk nur daran, wenn dir deine Mutter etwas verbietet, dann wird die Versuchung um so größer, genau das zu tun. Woher willst du wissen, was für deine Eltern das Beste ist? Wir hatten das schon besprochen mit den egoistischen Gedanken."

Jona verstummte, so hatte er das noch gar nicht gesehen. Vorsichtig fragte er: "Dann ist es also besser, wenn ich hier bin und sich Mama und Papa in Ruhe trennen können?"

"Lasse es mich so formulieren: Es ist besser, wenn die beiden das unter sich ausmachen können und keinen Druck von außen haben. Du willst doch sicherlich, daß deine Mutter und dein Vater glücklich sind?"

"Logisch!" antwortete Jona.

"Dann laß sie es alleine machen und kümmere du dich um dein Leben."

"Und wer ist dann dafür verantwortlich, daß ich hier im Krankenhaus liege?"

"Also ..." Thomas zögerte ein wenig, weil er nicht wußte, wie er das erklären sollte. "..... Also ich. Das heißt eigentlich du."

"Wer nun: ich oder du?" Jona verstand kein Wort.

"Du!"

"Aber du hast doch gerade vorhin gesagt, daß du es warst."

"Das ist richtig, aber ich bin ein Teil von dir und deshalb warst du es selber."

Jona paßte: "Also jetzt versteh ich gar nichts mehr. Wer bist du und wo bist du?"

"Noch mal, ich bin ein Teil von dir. Ich bin hier in deinem Unterbewußtsein. In dem Teil, den du nicht bewußt kontrollieren kannst."

"Wie kommst du da hinein?" Jona war entsetzt.

"Ich bin da schon immer drin. Den Rest muß dir jetzt aber mein Chef erklären, denn davon habe ich selber keine Ahnung."

Jona mußte lachen. "Wer ist denn dein Chef?"

"Du kennst ihn, du hast ihm doch Briefe geschrieben."

Er zuckte zusammen: "Gott?!"

"Genau."

"Und wie soll ich ihn fragen? Ich kann ihm jetzt keinen Brief schreiben, ich habe doch mein Fensterbrett nicht hier."

"Ach, jedes Fensterbrett ist wie das andere, das funktioniert überall. Aber viel leichter geht es mit der Methode, mit der du mich gerufen hast."

"Einfach fest an ihn denken und schon kommt er?"

"Probier's doch einfach aus,"  zwinkerte ihm Thomas zu.

"Wenn das so einfach ist, warum machen es dann nicht alle Menschen so?"

"Du mußt bereit sein dafür. Es bedarf einer gewissen Seelenreife."

"Seelenreife, was ist das denn?" Ihm schwirrte der Kopf bei all den neuen Begriffen.

"Was das Wort sagt, die Seele muß eine gewisse Reife, einen gewissen Grad an Erfahrung erlangt haben, um mit Gott zu sprechen. Erinnere dich an Gottes Worte. Die Erde ist eine Art Schule für die Seele. Das ist wie Latein oder höhere Mathematik, das lernt man nicht gleich in der ersten Klasse. Erst wenn du die Grundkenntnisse erlangt hast, kannst du ihn verstehen. Sonst hättest du Angst vor ihm oder würdest dich über ihn lustig machen."

Jona verstand zwar nicht genau, was Thomas ihm sagte. Aber was sollte denn schon groß passieren? Er lag ja völlig sicher in seinem Krankenbett.

"Du hast recht," meldete sich Thomas nochmals, "solange du deinem Ziel, deiner Aufgabe folgst, kann dir nichts passieren. Sprich doch nun mit Gott. Er wartet auf dich."

Jona wollte sich noch bei Thomas bedanken, doch der war schon verschwunden. Er atmete tief durch und versuchte, sich Gott vorzustellen. Doch, wie stellt man sich Gott vor? So wie in der Kirche, als älterer Herr mit weißen Haaren und Rauschebart?

Diese Vorstellung fand er albern. Da kam ihm ein Film in den Sinn. So wie der Hauptdarsteller sollte Gott sein. Souverän, groß, muskulös und cool. Also dieser Schauspieler war echt cool. Egal in welch schwierige Lage der kam, er blieb immer ruhig, überlegte scharf und fand immer eine Lösung. So stellte er sich Gott vor. Obendrein sah der auch noch gut aus und hatte in etwa das Alter von seinem Vater, Anfang vierzig.

Schon in der nächsten Sekunde stand Gott vor ihm. "Hallo Jona!"

"Du, ... du siehst ja genauso aus, wie ich es mir vorgestellt habe," stotterte Jona verlegen und vergaß ganz, zu grüßen.

"Danke, ich habe mir auch Mühe gegeben," lächelte ihn Gott an.

"Mühe gegeben?"

"Ja, ich erscheine den Menschen immer so, wie sie mich gerne sehen. Man darf doch seine Fans nicht enttäuschen," scherzte er.

Jona fiel sein Religionslehrer ein. "Also auf manchen Fan könntest du locker verzichten."

"Ich weiß, daß du deinen Religionslehrer nicht magst, aber verurteile ihn nicht. Weißt du denn, was ihn zu dem gemacht hat, was er heute ist?"

"Nein natürlich nicht." gab er kleinlaut zu. Schon wieder jemand, der seine Gedanken lesen konnte, dachte er. Hatte er denn überhaupt keine Privatsphäre mehr?

"Ja, da wunderst du dich, nicht nur Thomas, sondern auch ich kann deine Gedanken lesen. Bedenke doch bitte, wer ich bin. Dann weißt du, daß ich das kann. Es ist dir unangenehm, weil du Angst hast, daß ich über deine Gedanken urteilen könnte. Daß ich dich wegen deiner Gedanken verurteilen könnte. Aber denke daran, alles ist gut. Auch wenn es noch so schlecht erscheint. Alles gehört zu dem Weg deiner Seele. Also warum sollte ich Gedanken, egal wie schlimm sie scheinen mögen, verurteilen?"

Jona war sprachlos. Was da alles in den letzten Tagen an neuem Wissen auf ihn einbrach, das war fast zuviel. Das warf einige der Bilder, die er sich von der Welt gemacht hatte, komplett über den Haufen.

"Ich habe dich anfangs gewarnt, es wird sich einiges in deinem Leben verändern. Alte Denkgewohnheiten mußt du ganz schön ausmisten. Ach, stell dir doch bitte mal einen Raum mit einem bequemen Stuhl darin vor, ich möchte mich gerne hinsetzen."

Jona verstand zwar überhaupt nicht, warum Gott das von ihm wollte. Aber er stellte sich einfach sein Zimmer vor.

"Hey, das sind ja tolle Poster. Überhaupt, schönes Zimmer," staunte Gott, "nur ... könntest du dir noch einen bequemen Sessel darin vorstellen?"

"Einen Fernsehsessel?"

"Ja, tolle Idee. Am besten so einen mit Massage drin. In so einem wollte ich schon immer mal sitzen."

Er stellte sich den Sessel von Peters Eltern vor. Die hatten so einen. Und schwupps saß Gott auch schon drin und spielte wie ein kleines Kind an den Knöpfen der Massageeinheit herum.

Nach kurzem Spiel wandte er sich wieder Jona zu. "Es gibt schon ein paar tolle Erfindungen. Zurück zu dir. Du wolltest wissen, wie Thomas in dich kommt."

"Genau."

"Nun, er ist schon immer in dir, ... zusammen mit deiner Seele. Er ist sozusagen der 'Personal Coach' deiner Seele, die personifizierte Verbindung von dir zu mir."

"Aber warum hat er sich mir nie gezeigt?"

"Oh, er zeigt sich erst, wenn du ihn wirklich brauchst. Wenn du bereit bist für ihn."

"Wenn ich bereit bin für ihn?"

"Ja, wenn du bereit bist, an deiner Entwicklung zu arbeiten. Dann steht er dir mit Rat und Tat zur Seite, genau wie ich."

"Dann erklär du mir doch bitte, wie ich hier ins Krankenhaus komme, denn eigentlich wollte ich gar nicht hier her."

Gott lachte. "Die Antwort findest du im 'eigentlich'. Eigentlich wolltest du nicht ins Krankenhaus. Eigentlich wolltest du dich nicht verletzen. Was heißt eigentlich 'eigentlich'?"

Jona zuckte mit den Schultern.

"Gar nichts," fuhr Gott fort. "In diesem Fall ergibt das Wort keinen Sinn. Es erschafft kein Bild. Dein Kopf sieht aber die Worte 'verletzen' und 'Krankenhaus'. Und was war die Folge?"

Jona riß die Augen groß auf. "Ich habe mich verletzt und liege nun im Krankenhaus." Er dachte einen kurzen Moment darüber nach. "Aber ich habe doch in meinem Kopf gedacht, daß ich mich nicht verletzen wollte." Dabei betonte er das Wort 'nicht'.

"Noch verwirrender!! Warum sagst du, was du nicht willst, anstatt zu sagen, was du willst," fragte ihn Gott. "Ich habe den Kopf nicht so angelegt, daß er das versteht, was du nicht willst. Nicht, was du nicht willst, sondern nur das, was du willst, versteht er. Nicht andersherum."

Jona stutzte. "Wie meinst du das jetzt, was versteht er: das, was ich will oder das, was ich nicht will?"

"Siehst du, das ist, was ich meine. Ein 'Nicht' oder ein 'Nein' ist viel zu verwirrend. Sage, was du willst, und du bekommst es. Was sagst du, wenn du ein Eis möchtest?"

Jona schaute Gott erstaunt an. "Ich möchte gerne ein Eis... ?!"

"Genau. Du sagst nicht, ich möchte keinen Pudding, nicht die rote Grütze und auch nicht das Steak."

"Logisch," fiel ihm Jona ins Wort, "wie sollte dann jemand wissen, daß ich ein Eis will, nur weil ich kein Steak will?"

"Genauso ist das mit all dem anderen. Du hattest Angst, daß du hinfällst und sagtest dir: ich will nicht hinfallen. Und du bist hingefallen. Du hattest Angst, dich zu verletzen und sagtest dir: Ich will mich nicht verletzen. Und du hast dich verletzt. Dein Kopf denkt in Bildern, also hat er dir das erfüllt, was er als Bild sah: Hinfallen und Wehtun. Das "Nicht" ist kein Bild, das überhört er."

Jona hörte ihm genau zu. "Was hätte ich mir dann sagen sollen?"

"Warum bist du Rollerblade fahren gegangen?"

"Ich wollte Spaß haben, zusammen mit Ingo," antwortete er genervt, "das ist doch logisch."

"Dann sage doch einfach: Ich will in der Halfpipe Spaß haben und ganz nach oben auf die Brüstung kommen. Sage, was du willst und du bekommst es. Mach es einfach, sage es direkt."

"Und mach es nicht kompliziert." Jona betonte wiederum das 'nicht', um Gott zu zeigen, daß er es verstanden hatte. Dann stutzte er kurz. "Warum gibt es dann die Wörter Nein und Nicht überhaupt?"

"Gehst du jetzt mit mir Rollerblade fahren?" fragte Gott unvermittelt zurück.

"Nein, ich kann doch nicht, ich bin doch verletzt," antwortete Jona spontan.

"Genau dafür brauchst du Nein und Nicht. Wenn man dich etwas fragt und du kannst nicht oder du willst nicht. Wenn du aber etwas willst, dann sind sie unnütz. Sage immer, was du willst, und nicht, was du nicht willst. Das interessiert niemanden. Das schafft nur Verwirrung."

"Ja, das habe ich gemerkt." Jona rieb sich seinen Kopf. Da erinnerte er sich an Thomas' Worte. Laut Thomas wollte er hinfallen, um hierher ins Krankenhaus und somit von zu Hause wegzukommen. Das heißt, er selbst war dafür verantwortlich.

"Jetzt sag mir doch bitte, warum wollte ich ins Krankenhaus?"

Gott lachte. "Jetzt kommen wir zu der interessanten Frage. Die Antwort wirst du selbst bald herausfinden. Vertraue mir. Aber es gib noch eine weitere wichtige Frage: warum solltest du ins Krankenhaus?" Gott machte eine Pause.

"... und warum?" platzte Jona schließlich vor Neugierde.

"Thomas hat dir schon erklärt, daß nicht immer das für alle das Beste ist, was einer will. Du wolltest dich in das Leben anderer einmischen, dann mußt du auch akzeptieren, daß man sich in dein Leben einmischt."

"Habe ich denn nicht das Recht, glücklich mit Mama und Papa zu leben?"

"Du hast ein Recht darauf, glücklich zu leben, aber du hast nicht das Recht, über andere zu bestimmen. Woher nimmst du dir das Recht, mit deinem, entschuldige, wenn ich das so sage, kleinen Verstand entscheiden zu wollen, was das Beste für alle Beteiligten ist?"

Jona schluckte.

"Du bist zwar clever. Aber kein einziger menschlicher Verstand ist auch nur annähernd dazu in der Lage, zu überblicken, was das Beste für alle ist."

"Auch nicht so Menschen wie Albert Einstein?"

"Oh Einstein. Der war sehr intelligent und genau deshalb wußte er, daß sein Verstand niemals dazu ausgereicht hätte, solche Dinge erfassen zu können. Er wußte um die Begrenztheit des menschlichen Verstandes."

"Und wer weiß dann, was das beste für alle ist?" Jona war nun neugierig.

Gott zögerte. "Wie soll ich das beschreiben. Einfach gesagt: Ich. Oder besser, das Gebilde, das über dem Menschlichen steht. Sozusagen meine Firma."

"Du hast eine Firma?" Jona riß seine Augen weit auf.

"Ja hier auf der Erde würde man so dazu sagen."

"Und was stellt ihr her?"

Gott lachte. "Wir stellen Schöpfungen her. Wir erschaffen."

"Und was?" bohrte Jona weiter.

"Seelen, die erschaffen können. Also somit alles, was du siehst."

"Die Erde."

"Richtig, und die dazugehörigen Dinge, wie zum Beispiel die Natur. Das stellen wir her und warten es auch."

"Da habt ihr ja ganz schön zu tun!" stellte er voller Bewunderung fest.

"Das kann man wohl sagen. Vor allem, wenn sich so aufgeweckte Jungs wie du in unsere Arbeit einmischen."

"Oh Entschuldigung, das wollte ich nicht."

"Ist schon okay, woher solltest du das auch wissen. Das ist ja ein Teil dessen, was du noch lernen mußt. Oder besser, woran du dich erinnern mußt," beruhigte ihn Gott.

"Woran soll ich mich denn erinnern?"

"Da kommen wir bald dazu. Zunächst mußten wir verhindern, daß du dich in das Programm deiner Eltern einmischst."

"In was einmischst?"

"In das Programm. Jede Seele hat eine spezielle Aufgabe, ein spezielles Ziel auf der Erde. Eine Erfahrung, die sie sammeln muß. Deswegen ist sie hier. Und das nennen wir Programm. Du kannst auch Karma dazu sagen oder egal wie. Da du so ein Computerfan bist, laß es uns einfach Programm nennen."

"Okay. Aber wieso habe ich mich da in das Programm meiner Eltern eingemischt? Ich will doch nur, daß sie zusammenbleiben," beharrte Jona.

"Genau, DU willst das..." Gott betonte das Du, " .... aber wollen das auch deine Eltern?"

Das hatte ihn Thomas vorhin schon gefragt, doch Jona wußte noch keine Antwort darauf. Für ihn war irgendwie klar, daß seine Eltern zusammenbleiben müssen, weil das doch alle so machen, zumindest sagen, daß es so gehört. Seine Großeltern haben sich ja auch nie getrennt, und deren Eltern ebenfalls nicht. Und in der Kirche heißt es, bis daß der Tod euch scheidet.

Gott lauschte seinen Gedanken und sprach: "Nur weil viele Menschen etwas tun, muß es noch lange nicht richtig sein. Das Leben verändert sich ständig. Das heißt, was früher richtig war, kann heute schon falsch sein. Früher war die Erde eine Scheibe und der Mittelpunkt des Universums. Heute wißt ihr, sie ist eine Kugel und kreist um die Sonne. Oder denke an die Medizin. Mal behandelt man eine Krankheit so, fünf Jahre später ist alles falsch und man behandelt die gleiche Krankheit ganz anders."

Gott stoppte und schmunzelte. "Komischerweise gesundeten die Patienten bei beiden Behandlungsweisen, doch das ist noch kaum jemandem aufgefallen... Aber zurück zu unseren Programmen. Kein Mensch und keine Seele hat das Recht, sich in das Programm anderer einzumischen. Es sei denn, es gehört zu seinem Programm."

Damit hatte er Jona sichtlich verwirrt, er starrte Gott an, als hätte der gerade Chinesisch gesprochen.

"Hey, ich dachte, du bist ein aufgeweckter Junge!"

"Bin ich auch," maulte Jona.

"Okay, war nur ein Scherz. Ich gebe dir ein Beispiel. Stell dir vor, du und zwei andere Jungs habt Sportunterricht. Jeder von euch dreien soll etwas anderes trainieren. Der eine Hochsprung, der zweite Diskuswerfen und du Fußball. Jetzt stellst du fest, daß alleine üben langweilig ist, und willst die anderen überreden, mit dir zusammen Fußball zu üben. Die beiden haben aber ein wichtiges Turnier am Wochenende. Also, darfst du sie von ihrem Trainingsprogramm abhalten?"

"Natürlich nicht, logisch. Das ist, wie wenn ich noch Matheaufgaben machen muß und Ingo will mit mir rollerbladen. Das geht nicht."

"Und was würdest du tun, wenn er dich zwingen wollte?"

"Dann würde ich ihm einen Vogel zeigen."

"Siehst du, genauso wenig hast du das Recht, dich in anderer Leute Leben einzumischen, es sein denn, sie bitten dich darum oder es ist deine Aufgabe."

"Was soll das heißen?"

"Gehen wir zurück zum Sporttraining. Wenn es deine Aufgabe wäre, den anderen beiden Fußball beizubringen, weil du der Trainer bist, dann darfst du dich in Ihr Leben einmischen. Du darfst ihnen sagen, was und wann sie trainieren sollen. Was sie essen und trinken dürfen und so weiter. Aber nur in diesem Fall, weil sie dir als Trainer die Verantwortung dafür übertragen haben."

"Ha, dann ist ja meine Schule, die reinste Einmischanstalt," empörte sich Jona.

Gott mußte herzhaft lachen. "Dafür sind deine Eltern verantwortlich, sie gaben den Lehrern die Erlaubnis."

"Dann mischen sich meine Eltern in mein Programm ein." Jona gab nicht auf.

"Ich weiß, daß du das nicht hören willst: du bist noch zu jung. Solange du nicht eigenverantwortlich denken und entscheiden kannst, solange müssen das deine Eltern für dich tun. Es kann durchaus sein, daß sie dabei ganz gegen dein Programm entscheiden. Das ist dann deine Ausgangsposition, von der aus du zu deinem Programm startest. Die wird dir vorgegeben. Sobald du dann eigenverantwortlich entscheiden kannst, übernimmst du die Verantwortung für dein Programm. Nur glaub mir, die meisten haben Angst davor. Sie geben die Verantwortung gerne ab und lassen andere über sich entscheiden."

"Das ist doch dumm," wunderte sich Jona.

"Ja, aber normal. Für Eigenverantwortung muß eine Seele schon eine gewisse Reife haben. Das gehört sozusagen zu den höheren Semestern. Dann weiß sie auch, wo sie sich einmischen darf und wo nicht. Sie kennt ihre Aufgabe, ihr Ziel. Und wenn sich deine Entscheidungen ihrem Ziel entgegenstellen, dann wird sie eingreifen..."

"... und mich ins Krankenhaus bringen," vollendete Jona den Satz.

"Ja ich denke, du hast es nun verstanden."

"Aber dann ist doch mein Schicksal komplett vorgegeben?"

"Warum, du hattest doch die freie Entscheidung. Du hättest dich auch einfach raushalten können aus allem. Du hast aber entschieden, dich einmischen zu wollen. Und drum liegst du hier."

"Du meinst, hätte ich gesagt 'Okay, trennt euch, ist eure Sache', dann wäre ich nicht hier?"

"Wahrscheinlich nicht. Oder du wärst dann aus einem anderen Grund hier. Grundsätzlich, das ist nun ganz wichtig, das ist eine der Grundregeln des Lebens," Gott sprach mit eindringlichem Ton, "grundsätzlich habe ich das Leben so angelegt, daß jeder absolut freie Wahlmöglichkeiten für sein Leben und für seine Entscheidungen hat."

"Ha, das ist jetzt aber lächerlich," entrüstete sich Jona.

"Warum soll das lächerlich sein? Jeder Mensch und somit jede Seele hat absolut freie Wahlmöglichkeit. Es gibt keine Verbote, keine Tabus. Das wird dir klarer werden, wenn wir über die Seele sprechen, hab einfach noch Geduld. Vielleicht eins noch:

Die freie Wahl bezieht sich immer auf das Ziel. Damit eine Seele ihr Ziel erreicht, hat sie alle Möglichkeiten frei zur Verfügung. Es liegt an ihr, wie sie sich entscheidet. Selbst ob sie sich überhaupt für die Erreichung ihres Zieles entscheiden möchte. Aber wir reden darüber noch ganz ausführlich."

"Ja, das mußt du mir genauer erklären. Ich verstehe gerade nur Bahnhof."

"Ich weiß," sagte Gott und lachte verschmitzt.

"Wie sagt ihr immer? Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Für heute war das genug Lektion. Deine Lektion bis morgen ist eine ganz besondere. Du darfst sie dir selber aussuchen."

"Selber aussuchen?"

"Ja, du hast die absolut freie Wahl... Bis morgen." Damit verabschiedete er sich und Jona schlug die Augen auf.

Im gleichen Moment flog mit lautem Getöse die Zimmertüre auf und eine Schwester brachte Robert von seiner Behandlung zurück. Er legte sich wortlos ins Bett und zog die Decke über den Kopf. Was sie wohl mit ihm gemacht haben? Robert war zu müde, um etwas zu erzählen. Er schlief sofort ein.

Perfektes Timing, dachte sich Jona. Wäre Robert nur zwei Minuten früher gekommen, hätte er ihn bei seinem Gespräch mit Gott gestört. Oder sollte das genauso sein? In seinem Kopf ratterten die Gedanken unentwegt.


Kapitel 4

 

Irgendwann kam dann auch Sebastian zurück. Irgendwann gab es Mittagessen. Jona bekam nichts mit. Er dachte nur über Gottes Worte nach. In alles einmischen? Was hieß das denn? War das auch Einmischen, wenn er seine Meinung zu etwas sagte? Oder bei einem Streit Partei für jemanden ergriff?

Und das Beste, sein Verstand, das heißt jeder menschliche Verstand, sei zu klein, um die großen Zusammenhänge zu verstehen. Der Mensch könne deshalb gar nicht wissen, was das Beste für ihn und vor allem für die Allgemeinheit sei. Deshalb sei es manchmal nötig, korrigierend einzugreifen. Ihn zum Beispiel ins Krankenhaus zu schicken.

Wenn aber doch eine Lenkung von wo auch immer her da ist, hat dann der Mensch überhaupt einen eigenen Willen? Gott sagte doch, jeder Mensch habe freie Wahlmöglichkeiten. Allerdings nur in Bezug auf seine Aufgabe, auf sein Ziel.

Was sollte das überhaupt mit der Aufgabe? Welche Aufgabe hatte er, Jona? Davon hatte er noch nie etwas gehört. Weder in der Kirche noch in der Schule. Sein Religionslehrer sagte immer nur, man müsse fromm und demütig sein. Demütig? So ein blödes Wort! Bei demütig sah er immer jemanden niederknien und um Vergebung bitten. Vergebung wofür? Was hatte der Mensch denn so Schlimmes ausgefressen, daß Gott ihm böse war? Daß man vor ihm Angst haben mußte? So wie er Gott nun kennengelernt hatte, brauchte man keine Angst vor ihm zu haben.

Überhaupt offenbarte sich Gott ganz anders, als er es im Religionsunterricht und in der Kirche erfahren hatte. Zum Glück waren seine Eltern nur selten in der Kirche. Dieses ewige Aufstehen, Hinsetzen, Niederknien, Beten und Singen, das mochte er gar nicht. Er sah keinen Sinn in diesem komischen Hin und Her.

Wenn er übers Wochenende bei seiner Großmutter war, mußte er immer in die Kirche mit ihr. Sie weckte ihn dann immer furchtbar früh, was Jona sehr gegen den Strich ging. Denn er liebte es, am Wochenende auszuschlafen. Wahrscheinlich ging er deswegen so ungern zu seiner Oma, obwohl er sie eigentlich gerne mochte.

Doch was war nun seine Aufgabe? Er wußte keine Antwort. Warum lernte man in der Schule nicht, wie man solche Probleme löst? Anstatt unsinnige Mathematik zu lernen, wäre es doch viel sinnvoller, Leben zu lernen. Wozu brauchte er Wurzelrechnen, wenn er nicht an die Wurzeln seines Lebens rankam?

Irgendwie kam ihm die Schule überflüssig vor. Gut, Lesen und Schreiben waren wichtig. Vielleicht auch ein bißchen Rechnen, aber der Rest? Erdkunde war ganz interessant, Geschichte irgendwie auch. Allerdings, das fiel ihm plötzlich auf, bisher hatte er fast nur was über Kriege gelernt. Die Menschen führten ständig nur Kriege, um mehr Land, um mehr Macht, um mehr Reichtum. Und am Ende zerfielen die großen Reiche wieder, neue kamen hoch und wieder schlugen sich die Menschen tot. Als ob es nichts Sinnvolleres auf der Welt gäbe?

Noch heute führten die Menschen ständig irgendwo Kriege, wo doch die Geschichte eindeutig zeigte, daß jedes Reich, das durch Krieg gewachsen war, wieder zerfiel. Und zwar immer dann, wenn die Menschen des Kämpfens müde wurden. Hatten die keine Geschichte in der Schule? Was durch Kampf entstand, wurde durch Kampf wieder vernichtet. Das war immer so in der Geschichte.

Jona sah auf einmal alles ganz klar. Nur stur Jahreszahlen lernen, machte ihm keinen Spaß. Zusammenhänge herstellen und Ereignisse von früher mit heute vergleichen, das war interessant. Konnten oder durften seine Lehrer das nicht tun?

Wieviel unnützes Zeug mußte er lernen? Wie oft büffelte er sich nur kurz für eine Schulaufgabe den Stoff in den Kopf, und zwei Tage später hatte er alles wieder vergessen. Das konnte nicht der Sinn einer Schule sein? Was war überhaupt der Sinn, was war der Sinn seines Lebens? Oder des Lebens überhaupt?

 

Plötzlich flog die Zimmertüre auf. Ingo und drei Freunde stürmten in den Raum. Peter war auch dabei. Er druckste verlegen herum und konnte Jona kaum in die Augen schauen. Wahrscheinlich war ihm sein Verhalten nach der Mathearbeit noch peinlich, vermutete Jona. Ingo dagegen begrüßte ihn lachend:

"Na, wie geht es denn dem Kamikazefahrer?"

"Oh danke, geht schon. Mein Kopf brummt noch gewaltig."

Da meldete sich Robert aus dem Nachbarbett zu Wort. "Kein Wunder, wenn man eine so hohe Schraube springt."

Ingo schaute ganz verblüfft drein. "Hohe Schraube?... Ach hast du erzählt, daß es dich bei einer Sprungfigur hingeknallt hat?" Er lachte lauthals los und platzte sofort mit der Wahrheit heraus. "Nee nee. Das war beim Hochkommen in der Pipe. Da ist er volle Kanne weggerutscht."

Jona wäre am liebsten im Boden versunken, er wurde knallrot. Sicherlich blickten ihn Robert und Sebastian nun verächtlich an, doch er wagte nicht, zu den beiden rüberzuschauen. Es herrschte plötzlich eine entsetzliche Stille im Raum.

Nach ewigen Sekunden oder auch Minuten löste Sebastian die Spannung auf. "Ich habe mich noch nie in eine Halfpipe getraut, das war mir immer zu gefährlich."

Alle blickten zu ihm rüber, Sebastian setzte sich auf. "Hallo, ich bin Sebastian, ich habe Krebs. Aber keine Angst, das ist nicht ansteckend."

Bei dieser Vorstellung lachten alle schallend los. Allen voran Sebastian. So hatte er sich noch nie vorgestellt. Zum ersten Mal, erzählte er später Jona, akzeptierte er seine Krankheit. Er spürte plötzlich eine unheimliche Kraft in sich. Plötzlich wußte er, er würde seinen Krebs überwinden.

Seine Stimmung übertrug sich auf alle im Raum, und sie alberten herum, lachten und hatten richtig viel Spaß. Zweimal kamen sogar Schwestern rein und versuchten, sie zu beruhigen. Aber auch sie konnten sich der guten Stimmung in dem Raum nicht entziehen und scherzten mit.

Nach zwei Stunden schließlich mußten Jonas Freunde gehen. Als sie bereits den Raum verlassen hatten, öffnete sich nochmals die Türe und Peter kam zurück. Jona schaute ihn erstaunt an. Peter ging ganz nah an sein Bett. Er druckste ein wenig herum und blickte immer wieder verlegen zu den anderen beiden im Zimmer. "Also ... ich .... wegen der Mathearbeit. Ich war da irgendwie blöd. Ich hab mich einfach nur geärgert, weil ich das Ergebnis nicht rauskriegte und ich hätte gerne bei dir abgeschrieben. Dafür will ich mich jetzt entschuldigen. Ich wollte dich nicht blöd anmachen."

Jona lächelte ihn an. "Ist schon okay. Freunde?"

"Freunde!"

Sie besiegelten es mit einem Handschlag und Peter verabschiedete sich sichtlich erleichtert. Auch Jona war glücklich, dieser dumme Streit hatte ihn belastet. Vielleicht hatte es doch einen Sinn, im Krankenhaus zu liegen.

"Du hast tolle Freunde," riß ihn Robert aus seinen Gedanken. "Ich habe mich noch nie so amüsiert wie heute."

"Echt nicht?" fragte Jona erstaunt.

"Wie denn? Ich lebe doch die meiste Zeit im Krankenhaus. Wie soll ich da Freunde finden?"

Richtig, Robert hatte ihm ja erzählt, daß er meist in irgendeinem Krankenhaus lag. Wie sollte er da Freunde finden? Was Robert wohl für eine Aufgabe hatte? Neurodermitis, eine Krankheit, bei der sich die Haut ständig schuppt, ging es ihm durch den Kopf. Am Morgen beim Aufstehen hatte er bemerkt, daß eine große Menge Hautschuppen aus Roberts Schlafanzughosen unten herausrieselten. Als ob es schneien würde. Am Ende lag ein richtiges kleines Häufchen Schuppen links und rechts von ihm am Boden. Die Schwestern haben es sofort weggekehrt.

Ob das jeden Morgen so viel ist? Es gibt schon komische Krankheiten! Was das wohl bedeutet, wenn sich die Haut ständig schuppt? Es kam Jona so vor, als fühlte sich Robert in seiner Haut nicht wohl und wollte sie loswerden.

Da riß ihn Sebastian aus seinen Gedanken. "Was war denn da los mit deinem Freund und der Mathearbeit?"

Jona schilderte kurz den Vorfall. Er verschwieg allerdings die Geschichte mit Gott. Er war sich nicht sicher, ob Sebastian ihm das glauben würde. Trotzdem fragte er mal vorsichtig an. "Sag mal, Sebastian, glaubst du eigentlich an Gott?"

"An Gott?" Sebastian schwieg eine Weile.

"Also meine Mutter glaubt an ihn. Sie betet ständig für mich, daß ich wieder gesund werde. Aber geholfen hat es noch nicht." Dann schwieg er wieder.

Jona fragte nochmals. "Glaubst du nun an Gott oder nicht?"

"Ich weiß nicht. Was macht das für einen Sinn, daß ich Krebs habe? Ich meine, was habe ich getan, daß ich Krebs habe?"

Darauf wußte Jona auch keine Antwort und doch redete er plötzlich weiter. "Ich weiß es auch nicht. Aber ich weiß, alles hat einen Sinn. Alles in der Natur hat einen Sinn, so auch im Leben von uns Menschen. Wir müssen nur den Sinn herausfinden."

Er konnte gar nicht so recht fassen, was er da sprach. Das war, was Gott ihm gesagt hatte, und plötzlich sprudelten die Worte aus seinem Munde.

"Und wie kann ich den Sinn herausfinden?" seufzte Sebastian.

"Am besten, du legst dich in Ruhe hin und denkst an deine Krankheit und was sie dir sagen soll. Vergiß den Raum um dich herum, lasse die Gedanken in dir hochsteigen. Wenn du bereit bist, wirst du den Sinn herausfinden." Jona war platt. Wie kam er dazu, solche Anweisungen zu geben? Woher wußte er das?

"Das ist eine gute Idee, das werde ich heute abend gleich mal ausprobieren," bedankte sich Sebastian.

Später kamen Mama und Papa, sie brachten ihm Zeitschriften und Bücher mit. Nur die Nintendo-Spiele hatte Mama vergessen. Dafür schlug sie wieder ihren besorgten Ton an. Sie wollte unbedingt, daß Jona ihr versprach, nie mehr in der Halfpipe zu fahren. Papa konnte sie zum Glück davon abbringen.

 

Am nächsten Morgen wurden Robert und Sebastian wie üblich zu ihren Spezialbehandlungen abgeholt, Jona blieb alleine im Zimmer zurück. Erst blätterte er lustlos in einer Computerspielezeitung herum, konnte aber er keinen interessanten Artikel finden. Da fiel ihm wieder die Geschichte mit Sebastian ein. Welchen Sinn hatte wohl Krebs? Und wenn er schon mal darüber nachdachte, welchen Sinn hatte Neurodermitis? Der arme Robert, ständig mußte er sich kratzen. Ständig juckte seine Haut irgendwo. Er wußte genau, von wem er die Antworten kriegen konnte. Also legte er sich gemütlich zurück, entspannte sich und dachte an Gott.

Nach einer Weile erschien Thomas.

"Hat Gott denn keine Zeit?" wunderte sich Jona.

"Er hat mich geschickt. Ich soll dir heute deine Fragen beantworten," klärte ihn Thomas auf.

Jona war ein wenig eingeschnappt, daß sich Gott bei so wichtigen Fragen keine Zeit für ihn nahm.

"Wenn ich dir etwas nicht beantworten kann, kannst du natürlich jederzeit mit dem Chef persönlich sprechen," scherzte Thomas.

Jona wurde rot. Er hatte vergessen, daß Thomas seine Gedanken mithören konnte. Er schämte sich. Gott hatte sicher noch anderes zu tun, als sich ständig nur mit ihm zu unterhalten.

"Du kannst jederzeit mit ihm sprechen, Jona. Aber es gibt viele Fragen, die du dir selber beantworten kannst. Er möchte, daß du Selbstvertrauen in deine eigenen Fähigkeiten entwickelst."

"Wie meinst du das, ich kann mir Fragen selber beantworten? Wenn ich dich frage, gibst du mir doch die Antworten?"

"Natürlich gebe ich sie, aber erinnere dich an unser letztes Gespräch. Wer bin ich? Wer ist dafür verantwortlich, daß du im Krankenhaus liegst?"

"Stimmt, das bin ich gewesen oder du... Aber weil du ja ein Teil von mir bist, war ich dafür verantwortlich... Also so ganz habe ich das noch immer nicht kapiert."

"Das macht nichts," beruhigte ihn Thomas, "das wirst du irgendwann verstehen. Solange mußt du mir einfach nur glauben. Gott gab mir auch den Auftrag, dir zu zeigen, daß jede Menge Wissen in dir steckt. Und zwar ein Wissen, von dem du noch keine Ahnung hast."

"Echt?" fragte Jona ganz erstaunt. "Du meinst, ich muß gar nicht mehr lernen, nie mehr in die Schule?"

Thomas lachte. "Also wenn du wüßtest, wie du das Wissen anzapfen kannst, dann bräuchtest du nichts mehr lernen. Das ist richtig. Aber so lange du das noch nicht beherrschst, mußt du wohl noch in die Schule."

"Dann zeig mir doch einfach, wie das geht."

Thomas winkte ab. "Du bist noch nicht so weit.”

"Ich weiß, sonst könnte ich es ja schon. Also manchmal nervt euer Gequatsche ganz schön. Warum macht ihr, du und dein Boss, immer alles so kompliziert?"

"Ja, oft erscheint das Einfache kompliziert und das Komplizierte einfach. Schon seltsam, das menschliche Denken," amüsierte sich Thomas. Dann lenkte er vom Thema ab. "Du wolltest doch etwas fragen?"

"Ja genau. Warum haben Sebastian und Robert so komische Krankheiten?"

"Du hast gestern schon gut damit angefangen. Robert mit der Neurodermitis hat ein Hautproblem. Seine Haut juckt ihn und er wirft sie ständig ab. Das hast du richtig erkannt: Er fühlt sich nicht wohl in seiner Haut. Laß uns doch zunächst einmal klären, welche Bedeutung die Haut für den Menschen hat?"

"Haut? Die Bedeutung? ... Keine Ahnung."

"Schau sie dir doch genau an. Berühre sie, ziehe daran, rieche daran. Und .... mach einfach," ermunterte ihn Thomas.

Jona strich sich über die Unterarme. Er zog an seiner Haut und rubbelte daran. Ihm fiel auf, daß die Haut jede Berührung spürte, und doch unterschiedlich wahrnahm. So fühlte sich ein Streicheln an der Innenseite seiner Unterarme anders an als an der Außenseite. Auch wenn er mit dem Handrücken oder mit der Handinnenseite darüber strich, war das Gefühl anders. Und ihr Geruch war sein üblicher Körpergeruch. Ihm fiel ein, daß Mama immer so gut roch. Er liebte es, sich abends beim Fernsehen auf der Couch in ihre Arme zu kuscheln und ihren Duft in sich aufzunehmen.

Beim Sport, fiel ihm ein, schwitzte er und seine Haut schied den Schweiß aus. Also die Haut hatte jede Menge zu tun. Nur, was meinte wohl Thomas mit der Frage, welche Bedeutung sie für den Menschen hat?

"Gut gedacht bis hierher," kam die Antwort postwendend. "Was ich mit Bedeutung meine, ist: zum Beispiel der Kopf ist dein Denkzentrum, richtig?"

"Richtig."

"Dein Bauch ist dein Gefühlszentrum, richtig?"

"Keine Ahnung."

"Ganz einfaches Beispiel. Wo hast du die Freude über deine Mathearbeit gespürt?"

Stimmt, da fühlte sich Jona so richtig stolz in seinem Bauch.

"Oder wenn du erschrickst, denke an deine Fahrradgeschichte."

Oh ja, da spürte er einen heftigen Stich im Bauch.

"Also der Bauch, genauer gesagt das Sonnengeflecht oberhalb deines Bauches, ist dein Gefühlszentrum. Die Haut nun stellt die Verbindung nach draußen dar, es ist dein Kommunikationszentrum. Sie spürt die Temperatur, die Wärme, die Kälte. Sie sendet und empfängt ständig Signale. Sie sendet Düfte aus. Vielleicht kennst du den Spruch, jemanden nicht riechen können. Wenn es dir unbehaglich oder kalt ist, kriegst du Gänsehaut... Es läuft dir kalt den Rücken runter. Und dann, wie unterschiedlich ist die Haut! Bei dem einen zart rosig, bei dem anderen knackig braun. Oder sie ist rauh, blaß oder trocken und spröde und so weiter."

"Stimmt bei Robert ist die total trocken und rot. Sieht irgendwie eklig aus...."

".... so daß man sie nicht gerne berühren möchte," fiel ihm Thomas ins Wort. "Ja, die Haut verrät viel von jemand. Robert zum Beispiel, du hast es gerade gesagt, sieht irgendwie eklig aus. Er stößt Menschen mit seinem Äußeren ab."

"Kommen deswegen seine Eltern so selten zu Besuch?"

"Vielleicht. Vielleicht gibt er ihnen damit auch ein Alibi, weil sie keine Zeit für ihn haben..."

"..., daß sie dann nicht so oft zu kommen brauchen?"

"Ja, gut mitgedacht," lobte Thomas. "Die Haut ist die Verbindung von deinem Inneren nach draußen. Und natürlich auch umgekehrt. Egal aus welchem Grund Robert nun diese Neurodermitis hat, wichtig ist erst mal, er fühlt sich nicht wohl in seiner Haut. Das ist der erste Hinweis, den ihm seine Krankheit gibt. Dann muß er klären, warum er sich in seiner Haut nicht wohl fühlt."

"Das haben wir doch schon geklärt. Es ist das Alibi für seine Eltern. "

"Das ist eine der Möglichkeiten, aber es gibt noch andere."

"Welche denn?" fragte Jona neugierig.

"Denke doch mal anders herum. Vielleicht ist Robert mit seinen Eltern böse."

"Meinst du, er ist böse, weil seine Eltern keine Zeit für ihn haben? Und zur Bestrafung stößt er sie nun ab?"

"Siehst du, wieviel du weißt. Er schafft sich und seinen Eltern mit der Krankheit einen Grund, sich nicht nahekommen zu müssen."

"Aber er wünscht sich doch nichts mehr, als daß ihn seine Eltern öfters besuchen. Ich höre es in seiner Stimme. Sie klingt immer so traurig, wenn er erklärt, warum seine Eltern keine Zeit für ihn haben."

"Du hörst gut zu. Es stimmt, Robert wünscht sich nichts sehnlicher als den Kontakt zu seinen Eltern, oder zu Freunden. Gleichzeitig versagt er ihn sich aber, und dafür nutzt er seine Krankheit."

"Robert hat mir aber erzählt, daß er schon als Baby Neurodermitis hatte, da konnte er doch so was noch gar nicht denken."

"Also ich kenne Roberts Geschichte nicht. Aber was, wenn Roberts Eltern ihn nicht geplant hatten? Wenn sie ihn anfangs ablehnten, als Roberts Mutter mit ihm schwanger wurde? Du weißt ja, als Embryo bist du über die Nabelschnur mit der Mutter verbunden. Darüber bekommst du alle Gedanken und Gefühle deiner Mutter mit. Fühlt sich also ein Kind im Mutterleib bereits abgelehnt, dann kann es von frühester Kindheit an darauf mit dieser Krankheit reagieren."

"Immer?"

"Nein. Nur wenn es dafür anfällig ist. Andere Kinder schreien zum Beispiel den ganzen Tag oder liegen apathisch herum. Jeder bewältigt Ablehnung auf seine Weise. Es kommt ganz auf deinen Charakter und deine Aufgabe an."

Jona stöhnte. "Also wenn ich das richtig verstehe, ist es einfach Roberts Art, mit seiner frühen Ablehnung umzugehen."

"Genau," lobte Thomas. "Es gibt übrigens noch eine Möglichkeit."

"Welche denn noch?" Jona schwirrte der Kopf.

"Roberts Eltern haben sich ein krankes Kind herbeigewünscht."

Warum soll sich jemand ein krankes Kind wünschen? Jona riß seine Augen groß auf.

"Du weißt, daß Roberts Eltern viel Geld verdienen und sehr erfolgreich sind. Vielleicht haben sie damit ein Problem. Vielleicht denken sie, so viel Glück darf ein Mensch gar nicht haben, und bestrafen sich nun mit einem kranken Kind."

"Du meinst, ein krankes Kind ist eine Bestrafung für die Eltern?"

"Klar. Wer erzählt schon voller Stolz, daß sein Kind Neurodermitis hat, ein Krüppel oder geistig behindert ist? Ein krankes Kind ist immer eine Demütigung für die Eltern."

"Könnte das dann nicht eine Strafe von Gott sein?"

Thomas lachte. "Gott? Warum sollte er die Menschen bestrafen wollen? Wofür?"

Richtig, das klang nicht logisch. Schließlich hatte er sie ja so gemacht, wie sie jetzt sind. Außerdem sagte er, daß Fehler gut sind, denn daraus sollen die Menschen oder besser die Seelen lernen. Doch wenn Fehler gut sind, kann es logischerweise keine Strafe dafür geben.

"Stimmt," bestätigte Thomas seine Gedanken, "Gott bestraft nicht, es ist der Mensch selbst, der sich bestraft."

"Also, das klingt krank."

"Das klingt nicht nur krank, so ein Denken macht krank. Was meinst du, wie viele Menschen sich mit Krankheit bestrafen?"

Jona schwieg. Es klang so widersinnig, aber er fühlte, daß Thomas die Wahrheit sagte. Er hatte schon öfters das Gefühl, daß sich Menschen übers Kranksein freuten. Seine Mutter zum Beispiel lag mindestens einmal im Jahr mit schwerer Grippe im Bett. Beim letzten Mal aber war sie über ein Jahr lang völlig gesund. Sie war schon ganz unruhig deswegen, und wunderte sich ständig, daß sie nicht krank wurde. Als sie endlich mit hohem Fieber im Bett lag, sagte sie wehmütig: "Es war wieder an der Zeit." Dabei hatte sie einen zufriedenen Gesichtsausdruck. Jetzt verstand er warum. Einmal im Jahr mußte seine Mutter Sühne tun. Nur wofür? Dann fiel ihm Sebastian ein.

"Und was ist dann mit Sebastian, warum hat er Krebs?"

"Das ist komplizierter, das soll dir der Boss erklären. Warte ich ruf ihn mal."

Noch ehe es Jona realisieren konnte, war aus Thomas Gott geworden. "Hallo Jona, wie geht es dir?"

"Oh, gut" grüßte Jona zurück und dachte sich gleichzeitig, so ein Blödsinn! Er lag doch krank im Bett. Außerdem, Gott wußte doch eh, was er dachte und fühlte.

"Ich wollte es einfach von dir selber hören," antwortete Gott. "Und nur weil du im Bett liegst, muß es dir nicht schlecht gehen. Schau, du sprichst nun mit mir und Thomas. Etwas, wozu du keine Zeit hättest, wenn du gesund wärst."

Jona mußte ihm Recht geben. Wäre er gesund und zu Hause, würde er vielleicht am Computer spielen oder mit Ingo rollerbladen, oder irgend etwas anderes tun. Schon verrückt, da muß er sich ins Krankenhaus legen, um mit Gott zu reden. Er lachte.

Gott lachte ebenfalls. "Manchmal muß man einen komplizierten Weg gehen, um mit mir in Kontakt zu treten. Doch der Weg ist egal, Hauptsache du redest mit mir."

Sie schwiegen eine Weile, bis Gott ihm gratulierte.

"Wofür?" fragte Jona erstaunt.

"Na, für deine frei gewählte Lektion. Das war genau die, die wir heute brauchen."

"Welche habe ich denn gewählt?"

Gott lachte. "Du bist so in deiner Aufgabe drin, daß du sie gar nicht wahrnimmst. Du fragst dich seit Stunden, was der Sinn der verschiedenen Krankheiten ist."

"Ach ja ... und du hast da kein bißchen nachgeholfen?"

"Ist das wichtig? Komm, laß uns den Ort wechseln. Suchen wir uns einen schönen Ort, an dem wir frei denken und atmen können."

Im nächsten Augenblick befanden sie sich auf einer saftig grünen Wiese mit Blick aufs Meer. Ein leichter Wind wehte. Gott zog die frische Luft tief ein, dann legte er los.

"Warum hat Sebastian Krebs? Ich möchte dafür ein bißchen weiter ausholen. Weißt du, was ein Parasit ist?"

"... Ein Schmarotzer?" antwortete Jona vorsichtig.

Gott nickte.

"Also einer, der auf andrer Leute Kosten lebt," ergänzte Jona.

"Das klingt so, als ob du persönlich etwas gegen sie hast?"

"Ja. Papa sagt immer, sie sind faul und lassen sich von den anderen aushalten. So wie die Arbeitslosen, die nicht arbeiten wollen. Sie sind völlig nutzlos für die Gesellschaft."

Er steigerte sich richtig hinein. Es war ein Lieblingsthema seines Vaters. Der konnte stundenlang Vorträge über die faulen Arbeitslosen halten und sich über die Sinnlosigkeit von Arbeitslosenunterstützung auslassen.

Gott beschwichtigte ihn. "Du weißt doch: alles, was ich erschaffen habe, hat einen Sinn. Ich habe die Parasiten erschaffen, also haben sie auch einen Sinn. Sieh dir einen Wald an. Bäume haben Parasiten. Manchmal werden diese von ihren Parasiten regelrecht erstickt. Sie sterben ab. Aber, und das mußt du dir nun gut merken," Gott schaute Jona dabei eindringlich in die Augen, "jedes Ende ist ein neuer Anfang, ist eine Verwandlung. Parasiten schaffen Platz für Neues. Gleichzeitig sind Parasiten aber auch ein Bild, eine Warnung für die Menschen. Denn was passiert, wenn ein Parasit seinen Wirt tötet?"

"Keine Ahnung." Jona schüttelte den Kopf.

"Ganz einfach, der Parasit stirbt ebenfalls. Wenn zum Beispiel Misteln einem Ast alles Leben herausgesaugt haben und er abstirbt, bekommen auch die Misteln kein Wasser mehr und sterben. Nun rate mal, was die Misteln beim Menschen sind?"

Jona raste der Kopf. "Krebs?"

"Bingo, der Krebs. Er sieht sogar aus wie die Misteln einer Birke. Er beginnt klein, mit einem winzigen Geschwür, wird größer und größer. Fängt an, zu wuchern, und zieht sich zuletzt über den ganzen Körper hin."

"Ich habe mal eine Birke gesehen, die war über und über mit Misteln bewuchert. Das war auf einem Schulausflug, und unser Lehrer sagte damals, daß die Birke nur noch kurze Zeit leben würde. Dann hätten ihr die Misteln allen Lebenssaft herausgesogen. Jetzt verstehe ich das."

"Hat er damals auch erklärt, wie es zu den Wucherungen kommt?"

"Nein, das hat keinen interessiert," dachte Jona laut.

"Interessiert es dich jetzt?"

"Logisch," er brannte vor Neugierde.

"Also, paß auf: Krebs entsteht, weil eine Zelle in deinem Organismus sagt: ich habe keine Lust mehr, das zu tun, was Jona will. Ich will etwas Eigenes machen."

"Nur eine einzige Zelle? Ich habe doch Milliarden Zellen, was kann da eine schon ausrichten?"

"Das ist richtig, eine kann gar nichts machen. Aber die Zelle ist nicht dumm. Sie weiß genau, alleine ist sie machtlos, also braucht sie Verbündete. Nun stell Dir das vor wie einen Haufen Verschwörer oder Aufwiegler. Die eine Zelle überzeugt andere, daß sie nicht länger unter deinem Joch dienen sollen, sondern ein eigenes selbständiges Leben führen wollen."

"Das erinnert mich irgendwie an die französische Revolution," dachte Jona laut, die nahmen sie gerade in Geschichte durch.

Gott ergänzte sofort: "Oder an Napoleon, Hitler oder Zapata oder jeden anderen Revolutionär. Alle gingen sie von dieser Idee aus mit mehr oder weniger guten Absichten. Aber zurück zu unseren Zellen. Die Aufrührerzelle muß natürlich zeigen, daß sie anders ist. Also muß sie sich verändern, sie muß ihre Struktur, ihr Programm ändern. Davon überzeugt sie die umliegenden Zellen und steckt sie an. Zellen, die sich nicht mitverändern, werden abgetötet. Nach einiger Zeit bildet sich ein kleines Geschwür, sogenannte Knoten."

"Sucht danach meine Mama, wenn sie an ihrer Brust herumdrückt?"

"Ja richtig. Bei Frauen beginnt der Krebs oft in der Brust, deshalb tasten sie sie nach solchen Knoten ab. Aber weiter. Ein wichtiges Naturgesetz lautet nun: alles in der Natur strebt nach Wachstum. Alles versucht immer größer zu werden. So auch der Krebs. Er versucht sich nun auszubreiten. Über die Blut- und Lymphbahnen nimmt er nun Kontakt mit Zellen an ganz anderen Orten auf und pflanzt dort sein Konzept ein. Die Zellen werden sich also auch dort so umwandeln wie die Aufrührerzelle. Nach einiger Zeit überziehen solche Knoten den ganzen Körper und sind über ein Netzwerk, sogenannte Metastasen, miteinander verbunden."

"Wie das Internet, das zieht sich über die ganze Welt."

"Ja das ist ein schöner Vergleich. Das Internet entspricht den Lymphbahnen, über die sich solche Geschwüre schnell verbreiten können. Denke nur an die rechtsradikalen Gruppierungen, die sich über das Internet austauschen. Doch zurück zum Krebs. Wenn der Krebs erst mal dieses Stadium erreicht hat, dann wird es gefährlich. Der Krebs ernährt sich ja von seinem Wirt, dem Menschen. Ohne jedoch etwas für ihn zu tun."

"Wie meinst du das?"

"Jede Zelle hat eine spezielle Aufgabe im Körper. Diese Aufgabe muß sie erfüllen, da sonst das System Mensch zusammenbricht. Wenn der Magen nicht mehr verdaut, stirbt der Mensch. Wenn die Lunge den Sauerstoff nicht mehr ins Blut pumpt..."

".... stirbt der Mensch," dachte Jona laut mit.

"Je mehr sich der Krebs ausbreitet, umso weniger gesunde Zellen gibt es, die diese Arbeit verrichten. Natürlich brauchen die Krebszellen auch Nahrung."

"Und je mehr Krebszellen es gibt, um so mehr Nahrung brauchen sie,” stellte Jona fest.

"Genau das ist das Problem. Irgendwann gibt es nicht mehr genug gesunde Zellen, die die einzelnen Körperfunktionen aufrecht erhalten und gleichzeitig für genügend Nahrung für sich und die Krebszellen sorgen können. Der Wirt stirbt. Der Parasit hat seinen Wirt aufgefressen. Aber wenn der Wirt stirbt, stirbt mit ihm, er kann ja nicht raus, ..."

"... der Parasit," ergänzte Jona atemlos. Ihm war klar, was Gott damit sagen wollte. Der Mensch war das Krebsgeschwür der Erde. Mittlerweile gab es überall auf der Erde Menschen und sie machten den ganzen Tag nichts anderes, als die Erde auszusaugen. Jona schaute Gott entsetzt an. "Aber das heißt ja, daß die Erde bald sterben wird, daß sie untergeht."

Gott lachte beruhigend. "Keine Angst. Vertrau mir einfach. Bevor der Mensch die Erde ernsthaft zerstört, hat er sich längst selbst beseitigt. Dann gibt es ja auch noch Erdbeben, Flutwellen, Dürren, Brände, Wirbelstürme oder Seuchen. Glaub mir, ich habe genug Sicherungen eingebaut. Der Erde kann nichts passieren. Kennst du übrigens den Witz?"

"Welchen?"

Gott setzte sich auf einen Felsen zurück und erzählte: "Zwei Planeten treffen sich. Sagt der eine: 'Na wie geht's?' 'Super, danke und dir?' 'Ach, geht so,' stöhnt der andere. 'Was heißt, geht so?'   'Ach, ich habe Befall.'    'Was denn?'    'Menschen!'    'Keine Angst, das hatte ich auch mal, das geht von alleine weg.'"

Gott lachte so laut über seinen Witz, daß er Jona mitriß, obwohl der ihn nicht so ganz verstanden hatte. Nachdem sich Gott wieder beruhigt hatte, fuhr er fort.

"Aber das ist nicht der Sinn der Erde."

"Was ist er denn?" Jona rauchte schon wieder der Kopf.

"Ich habe dir doch gesagt, die Erde ist eine Art Schule, so eine Art Stätte der Verwirklichung. Ihr habt einfach kein passendes Wort dafür."

"Und wer soll in diese Schule oder Stätte der Verwirklichung gehen, bitteschön?" Jona reagierte genervt.

"Das weißt du doch schon," beruhigte ihn Gott, "die Erde ist eine Schule für die Seelen, in der sie sich ihrer Fähigkeiten bewußt werden sollen, vor allem ihrer Fähigkeit des Erschaffens. Und ich meine erschaffen, nicht zerstören. Oftmals erschafft ihr nämlich, indem ihr etwas anderes zerstört. Zum wirklichen Erschaffen müßt ihr euch an die Gesetze der Natur erinnern. Ihr müßt euch an die Zusammenhänge in der Natur erinnern."

"Woher wissen wir denn das schon alles? Du sprichst immer von erinnern."

"Woher, denkst du, kommen die Seelen? Oder besser, was sind Seelen?"

Jona riß die Augen groß auf, er verstand die Frage nicht.

"Nun, die Seelen sind ein Teil von mir, sie kommen von mir. Und genau wie jede Zelle von dir den kompletten Bauplan deines Körpers in ihren Genen hat, davon hast du vielleicht schon mal in Biologie gehört ..."

Jona nickte eifrig.

"... so trägt auch jede Seele den kompletten Bauplan des Universums in sich. Sie hat mein komplettes Wissen in sich, allerdings unbewußt. Dieses Wissen nun gilt es für die Seelen sich wieder ins Bewußtsein zu rufen, in ihr Bewußtsein. Das braucht Zeit. Zur Erleichterung habe ich die Natur voll mit Vergleichen gebaut, jeder kann es auf seine Weise sehen und erfahren. Vielleicht hast du schon von der Lehre Mikrokosmos – Makrokosmos gehört?"

"Nein, keine Ahnung. Was ist das?"

"Alles was im Großen passiert, passiert auch im Kleinen, alles wiederholt sich. Alles funktioniert nach den gleichen Prinzipien. Wenn du sie erkannt hast, kannst du sie auf alles anwenden. Zum Beispiel die Sache mit dem Krebs: durchforste die Natur und du wirst noch auf Tausende dieser Parasiten-Wirt Gruppierungen stoßen. Da ist für jeden etwas dabei, sofern er seine Augen aufmacht und seinen Verstand benutzt."

"Aber das tun nicht allzu viele?"

Gott zögerte bei diesem Einwand. "Nun, es sind auf jeden Fall mehr als du denkst, du hast sie nur noch nicht getroffen. Denke nur mal an die vielen Bücher, die von Philosophen geschrieben wurden. Dazu gibt es ja auch jede Menge Leser. Wer nicht schauen will oder noch nicht kann, steigt erst einmal über ein Buch ein."

"Oder schreibt dir einen Brief." Jona lachte nun wieder.

"Ja, oder schreibt mir einen Brief," zwinkerte Gott zurück. "Oder findet einen der tausend anderen Wege."

"Also wenn ich dich nun richtig verstanden habe, sollen die Menschen..." er verbesserte sich, "... die Seelen lernen, mit der Natur im Einklang zu leben, sie zu nutzen, aber nicht auszunutzen."

Gott nickte zustimmend.

"Aber das gab es doch schon mal. Die Indianer in Mexiko." Jona erinnerte sich, vor drei Jahren war er mit seinen Eltern auf einer Bildungsreise durch Mexiko. Er hatte sich damals tierisch gelangweilt. Ewig die Erklärungen des Führers, wie toll die Azteken oder die Mayas damals gelebt hatten, bis die bösen Spanier kamen und alles zerstörten. Gott lauschte aufmerksam seinen Gedanken.

"Ja, die Azteken und die Mayas. Es stimmt, sie lebten in gutem Einklang mit der Natur. Aber so toll wie das heute immer dargestellt wird, war das damals gar nicht. Es gab ein paar Anführer, die gut lebten. Das Fußvolk aber mußte schuften, wie die Ameisen. Die Anführer dagegen lebten wie die Könige, die ließen sich alles bringen und servieren...."

"... So wie bei der französischen Revolution?"

"Genau so." Gott zwinkerte Jona zu. "Daß die Spanier alles zerstört hatten, ist zwar von den Fakten her richtig. Aber hätten es die Spanier nicht getan, dann hätten sie sich selbst zerstört."

"... so wie in der französischen Revolution?"

"Wie in der französischen Revolution. Du siehst, es wiederholt sich alles. Die äußeren Faktoren sind unterschiedlich, aber das Grundschema ist das gleiche. Die Franzosen verfielen der Dekadenz des Luxus, die Azteken der Dekadenz der Religion. Sie waren in ihrer Religion an einen toten Punkt angelangt. Die Priester regierten das Volk mit der Angst vor der Strafe der Götter. Zu diesem Zweck ersannen sie jede Menge Rituale. Sie prophezeiten ständig irgendwelche Weltuntergänge..."

"Das passiert doch heute noch. Ich höre ständig im Fernsehen, daß irgendwelche Sekten einen Weltuntergang vorhersagen und sich deshalb alle umbringen oder andere töten..." fiel ihm Jona ins Wort.

"Stimmt, der Mensch hat sich nicht großartig verändert. Die Azteken brachten damals viele Menschenopfer dar, teilweise täglich. Dem Volk erklärten sie, es geschehe, damit die Sonne am nächsten Tag wieder scheine. Was für ein Blödsinn. Wenn die Sonne nicht mehr scheint, sind eh alle tot und keiner merkt es mehr. Und vor allem der Glaube, daß man mich mit einem Menschenopfer beeindrucken kann. Wo bleibt hier die Logik? Man zerstört mein Werk, um mich damit zu beeindrucken?"

"Das ist wirklich dumm," stimmte ihm Jona zu.

"Das ist, als würde man täglich vor den Toren von Autoherstellern völlig intakte Autos zertrümmern, nur damit sie nicht aufhörten, solche Autos zu bauen."

Jona mußte bei diesem Bild lauthals loslachen. Er stellte sich seinen Vater vor, wie er seinen geliebten Mercedes kaputt schlug, nur damit Mercedes dieses Auto weiterhin baute. Nein, das war wirklich dumm.

"Natürlich wußten das auch die Priester," fuhr Gott fort, "sie waren ja clever. Aber mit Angst und Schrecken vor den Göttern ließen sich die einfachen Menschen am leichtesten regieren. Lasse sie dumm und schüre ihre Angst. Eine häufig angewandte Regierungsmethode. Nur irgendwann werden auch dumme Menschen schlauer und dann droht der Schwindel aufzufliegen. Gerade bei den Azteken gab es zu viele Obere, zu viele Priester und Krieger, die von den Unteren, den Arbeitern, versorgt werden mußten."

"So wie bei den Krebszellen," warf Jona ein.

"Guter Vergleich," lobte Gott. "Genau in diesem Moment, in dem das System der Azteken in sich zusammenzubrechen drohte, kamen die Spanier. Glaubst du denn im Ernst, daß sie sonst auch nur den Hauch einer Chance gehabt hätten, dieses riesige Reich zu zerstören? Diese Handvoll Männer mit ihren lächerlichen Waffen?"

"Ja, das waren nur ein paar hundert," pflichtete ihm Jona bei.

"Und denen standen Hunderttausende von kampferprobten Kriegern gegenüber. Das gelang nur, weil sie an die Prophezeiung glaubten, daß ein Mann mit rotem Bart als neuer Gott kommen würde und alles mit einer Handvoll eiserner Krieger auslöschen würde."

Jona mußte lachen. "Das ist ja wie bei meinem Unfall. Da hatte ich Angst hinzufallen und mich zu verletzen, und ich bin hingefallen und habe mich verletzt."

"Alles beginnt im Kopf, was du denkst, daß sein wird, das kommt. Die Azteken wollten untergehen und sie gingen unter. Sie hatten so viel Angst davor, daß sie es förmlich herbeizogen, wie ein Magnet. Und weil sie es sich so sehr wünschten, habe ich es ihnen geschickt."

”Duuu?”

"Ja wer denn sonst, aber das möchte ich dir ein anderes Mal genauer erklären. Nochmals zu den Azteken. Obwohl sie viel wußten und vieles richtig beobachtet hatten, sie konnten es nicht umsetzen. Sie hatten sich in ihrem System total verrannt und sahen keine andere Lösung mehr, da herauszukommen."

Jona schaute Gott verwundert an. Wie leicht er eine ganze Epoche der Menschheit auswischen konnte. Es lebten damals mehrere Millionen Menschen dort, wovon zwei Drittel starben, und Gott tat das ab mit den Worten, sie konnten es nicht umsetzen, sie hatten sich verrannt? Er schluckte. Wie Gott wohl über die beiden Weltkriege dachte? Postwendend kam die Antwort.

"Auch das waren sogenannte Sackgassen-Situationen, aus denen sich die Menschen nur mit großer Anstrengung und Gewalt befreien konnten. Immer wenn sich die Menschen zu sehr verrennen und nicht mehr loslassen können, dann passiert so etwas."

"Dann verrennen sie sich aber oft, denn es gibt fast immer irgendwo Krieg auf der Welt."

"Stimmt. Und wenn es keine Kriege gibt, dann machen sie es selbst."

"Was meinst du damit?"

"Selbstmord. Wenn sich Menschen verrennen und glauben, aus einer Situation nicht mehr herauszukommen, begehen sie manchmal Selbstmord."

"Aber Menschen, die in den Krieg ziehen, wollen sich doch nicht selbst töten?"

"Es ist zumindest wie Russisch Roulett. Kein Mensch kann mit Sicherheit sagen, daß er lebend von der Front zurückkommt. Wenn du in den Krieg ziehst, dann ist das wie ein halber Selbstmord."

"Und wenn du dich weigerst, wirst du erschossen," hielt Jona dagegen.

"Nicht, wenn sich alle weigern."

Jona verstummte, da hatte Gott Recht.

"Natürlich weigern sich nie alle. Viel zu viel Menschen haben Lust am Kämpfen und Töten. Aber ich sagte ja vorhin, es ist eine Sackgassen-Situation. Kriege passieren, weil sie ebenfalls eine Erfahrung für die Seele darstellen. Und wofür sind Fehler gut?"

"Papa sagt immer, nur aus Fehlern kann man lernen."

"Siehst du, so dumm ist dein Papa gar nicht, wie du manchmal denkst."

Jona wurde rot, er dachte das tatsächlich. Es war schon schlimm, wenn man seine intimsten Gedanken nicht für sich behalten konnte.

"Wenn du gut über Menschen denkst und ehrlich bist, brauchst du niemals Angst haben, daß jemand deine Gedanken errät," zwinkerte ihm Gott zu.

Nein, man konnte wirklich keinen Gedanken vor Gott verstecken.

"Zurück zu den Fehlern. Sie sind wichtig, um bewußt zu lernen. Somit sind sie gut für die Seele. Sie dienen ihrer Entwicklung. Das hast du vorher bei deinem Gespräch mit Thomas richtig erkannt."

"Hast du das mitgehört?"

"Na logisch, ich war neugierig, welche Fortschritte du machst."

"Also wenn ich das jetzt richtig verstehe, sind Kriege gut."

"Ja, für die Seelen. Auch wenn sie millionenfach Trauer und Leid über das Land bringen. Die Seele lernt dabei. Und sie muß es auf diese Weise lernen... "

"... denn auf die sanfte Tour versteht sie es nicht. Drum liege ich im Krankenhaus. Warum aber hat nun Sebastian Krebs?"

"Wie kommt es zu einer Verschwörung? Oder besser, wann treten Revolutionäre auf den Plan?"

Jona versuchte sich an die französische Geschichte zu erinnern. Da war das Volk unzufrieden mit seiner Situation, weil es immer nur schuften mußte und der Adel es sich am Hofe gutgehen ließ.

"Genau, Unzufriedenheit läßt uns nach Veränderungen suchen."

Jona stutzte. "Was hat das mit Krebs zu tun?"

"Krebs ist in aller Regel ein Zeichen dafür, daß die Seele mit dem Menschen unzufrieden ist. Jede Seele hat ein Ziel für ihr körperliches Dasein. Wenn nun dieses Ziel nicht mit dem des Menschen übereinstimmt, kommt es zu einem Konflikt.”

Jona lachte. ”Das erinnert mich an die Schule, wenn ich für eine Schulaufgabe lernen soll, aber eigentlich viel lieber rollerbladen will.”

”Nur daß eine Seele sich viel rigoroser durchsetzen kann. Das kommt darauf an, auf welcher Erfahrungsstufe sie sich gerade befindet. So lange sie neugierig ist auf all die Erfahrungen, die der Mensch oder besser der Körper ihr bietet, ist alles im Lot. Wenn sie aber ein ganz konkretes Ziel vor Augen hat und der Mensch, den ich ab jetzt EGO nennen werde, in eine ganz andere Richtung geht, dann kommt es zum Kampf.”

”EGO? Du verwirrst mich ganz schön mit Seele, Körper, Mensch, Ego. Ich denke der Mensch ist eins,” stöhnte Jona.

Gott lachte. ”Entschuldige bitte, ich weiß, das ist verwirrend. Paß auf. In jedem Menschen wohnt eine Seele. Richtig?"

"... so haben wir das im Religionsunterricht gelernt."

"Es ist so. Hier hat die Kirche Recht. Du weißt nun auch, die Seele ist ein Teil von mir, sie trägt meine Energie und Schöpfungskraft in sich. Das übrigens bedeutet die Formulierung: ich habe den Menschen nach meinem Ebenbild erschaffen. Ich brauchte nun für die Seele eine Form. Das war der Mensch. Um in dieser Form zu bleiben, brauchte die Seele eine Struktur, das Ego. Dieses Ego bindet die Seele im Körper ein und verhindert, daß sie wieder entweichen kann."

"Warum sollte denn eine Seele wieder entweichen wollen?"

"Seelen streben nach Vereinigung. Ohne Struktur würden alle Seelen sofort wieder ihre Körper verlassen und miteinander verschmelzen. Überall würden leere Menschenhüllen herumliegen.”

Jona mußte lachen. "Das würde dann aussehen wie die leeren Muschelschalen am Strand. Aber warum streben Seelen nach Vereinigung?"

"Weil sie aus einem vereinigten Zustand kommen, einem Seelenverband. Für eine Seele bedeutet es eine große Anstrengung, sich in einen Körper zu zwängen. Seelen sind formlos, sie kennen keine Grenzen, keinen Raum. So ein Körper ist für sie ein furchtbar enges Gefängnis."

"Und wie bleibt sie nun da drin?" Jona sah an sich herunter, er hatte sich noch nie als Gefängnis für eine Seele betrachtet.

"Das ist die Aufgabe des Egos. Das Ego bindet die Seele fest ein, denn diese ist wiederum der Motor für das Ego. Ohne Seele hätte das Ego keinen Sinn und würde nicht existieren können. Andrerseits würde sich die Seele ohne die Führung des Egos in der Welt nicht zurechtfinden. Das Ego ist die Verbindung der Seele zur Außenwelt. Es ist für die Alltäglichkeiten des Lebens zuständig und steuert den Körper durch das Leben. Es führt die Seele zu den Erfahrungen, die sie benötigt, um sich ihrer Fähigkeiten wieder zu erinnern."

"Die brauchen sich also gegenseitig."

"Richtig, sie bilden sozusagen eine Sinngemeinschaft, ...wie in der Formel eins, du interessierst dich doch dafür?"

"Ja und wie!" Jonas Augen strahlten.

"Fahrer, Konstrukteur und Auto bilden eine Sinngemeinschaft. Ein Rennwagen, der nicht gefahren wird, hätte keinen Sinn. Die Arbeit des Konstrukteurs wäre sinnlos und ein Fahrer ohne Auto ebenso."

"Ja, der wäre er nur ein Möchtegernfahrer."

"Genau. Die drei brauchen einander. So wie eine Seele, den Körper und das Ego braucht und umgekehrt."

"Nochmal, die Seele braucht den Körper und das Ego, um auf dieser Erde hier Erfahrungen zu sammeln?"

"Ja. Das Ego führt die Seele an die jeweiligen Erfahrungen heran und ein Körper ist nötig, da alles auf dieser Erde eine Form hat und aus Materie besteht. Dieses Ego hat nun aber eine Tücke."

"Ich wußte, daß da wieder ein Hacken ist."

Gott lachte. "Solange die Seele noch unerfahren und schwach ist, übernimmt das Ego die Führung. Das Ego hat somit zu Anfang die Chefposition im Dreiergespann. Wenn die Seele irgendwann erfahrener und stärker geworden ist, muß sie mit dem Ego um diese Position kämpfen, denn das Ego wird diese nur höchst ungern aufgeben."

"Also eigentlich sollte die Seele der Chef sein...?" fragte Jona verwirrt.

"Genau. Doch am Anfang führt das Ego, weil die Seele noch nicht weiß, was sie will. Sie ist wie ein Kind, das keine Ahnung vom Leben hat. "

"Dann ist das Ego so etwas wie Eltern?"

"Ja. Und es verhält sich leider auch so wie viele Eltern, die ihre Kinder nicht loslassen können. Die sich gerne in deren Leben und Entscheidungen einmischen, ihnen ihre Erfahrungen vorgeben wollen. Dabei soll jedes Kind seine eigenen Erfahrungen machen. Genau wie eine Seele ihre eigenen Erfahrungen auf der Erde sammeln soll. Sie ist die Hauptfigur, um die sich alles dreht, und weshalb es die Erde mit all ihrer Pracht und Vielfalt gibt. Nicht das Ego. Das Ego stirbt mit dem Körper, die Seele dagegen lebt weiter. Das Ego ist ein Arbeitsgerät wie ein Computer und da ist es top. Aber als Chef ist es denkbar ungeeignet."

”Warum hast du denn nicht einfach ein Ego gewählt, das so etwas nicht macht? Also sich nicht als Chef aufspielt?”

”Das ist eine gute Frage. Es hat mehrere Gründe. Das Ego muß anfangs gut führen können. Es braucht Cheffähigkeiten. Dann, mein oberstes Gebot, als ich den Menschen erschuf, waren die freien Wahlmöglichkeiten, die freie Entscheidung. Der Mensch muß sich absolut frei entscheiden können. Da mußte ich auch das Ego mit den freien Wahlmöglichkeiten ausstatten. Sonst wäre es in der Anfangsphase ein schlechter Führer und Lehrer."

”Puh, das hast du dir ja richtig schwer gemacht,” bewunderte ihn Jona.

”Es geht noch weiter, gleich wirst du staunen. Am Anfang bei den ersten Menschen waren die Seelen noch jung und total unerfahren, wie Babies. Somit waren sie für alles offen. Gierig sogen die Seelen jede Erfahrung in sich auf, die ihnen das Ego bot. Jede Erfahrung war interessant, weil sie neu war. Aber die Seelen lernten mit jedem Leben dazu. Das Ego dagegen ist mit den Körpern verbunden. Es ist in jedem Leben neu.”

Jona traute seinen Ohren nicht. Aufgeregt unterbrach er Gott. ”Was soll das heißen, die Seelen lernen mit jedem Leben dazu?”

”Ich sagte dir doch, du wirst gleich staunen," schmunzelte Gott. "Du mußt mir nun einfach glauben, ich werde es dir bald ausführlich erklären: die Seelen werden immer wieder geboren, sie kommen immer wieder auf die Erde zurück.”

”Du meinst Seelenwanderung?! Aber die katholische Kirche sagt doch, daß es das nicht gibt.”

Gott schaute ihm tief in die Augen. ”Ich habe dir doch schon gesagt, daß die Menschen nicht immer die Wahrheit erzählen. Denke nur an die Azteken und ihre Menschenopfer. In der katholischen Kirche gab es ein paar machthungrige Menschen, die erkannten, daß man mit der Angst vor Hölle und Fegefeuer immensen Reichtum und Macht anhäufen kann. Also behaupteten sie, daß es keine Wiedergeburt gäbe. Denn wer hat schon Angst vor der Hölle, wenn er weiß, daß er wiedergeboren wird. Wie gut das funktionierte, siehst du an ihren Besitztümern heute, so was kommt nicht vom Beten."

”Meinst du diese komischen Ablasszahlungen, um sich von Sünden freizukaufen?”

”Ja genau, ein Mord für 50.000 Euro. Das ist doch ein guter Deal, wenn du dabei 100.000 verdienst.”

”Dafür, daß du uns so erschaffen hast, bist du manchmal ganz schön makaber.”

”Ja, entschuldige. Ich habe nur manchmal an der menschlichen Logik so meinen Spaß. Ich hätte nie gedacht, daß der Kampf Ego gegen Seele solche Blüten treiben würde. Aber zurück zum Thema. Die Seelen werden erfahrener und versuchen sich zu verwirklichen. Mit jedem neuen Leben setzen sie sich Ziele und Aufgaben."

"Wer sucht eigentlich den neuen Körper für die Seele aus?"

"Das machen sie selbst, je nachdem, welches Ziel sie für ihr Leben haben, suchen sie sich einen Körper aus, in dem sie denken, ihr Ziel verwirklichen zu können. Das erkläre ich dir später genauer. Zurück zum Ego. Das Ego entsteht mit jedem Körper neu, es wandert nicht mit und nimmt somit auch keine Erfahrungen mit. Dieses Ego orientiert sich an weltlichen Werten und Normen, die durch Erziehung, Eltern und soziales Umfeld weitergegeben werden und abzielen auf Sicherheit, Ansehen in der Gesellschaft, auf strikte Ordnung und Individualität."

"Individualität? Das ist doch etwas Positives," hakte Jona ein. Er war stolz, daß er das Wort kannte. Sein Papa hatte es ihm vor kurzem erklärt.

"Nicht immer. Ein Ego versteht unter Individualität, sich von anderen abgrenzen, sich von ihnen zu unterscheiden."

"Und wann ist es dann positiv?"

"Wenn es deine speziellen Eigenschaften und Fähigkeiten bezeichnet, die du in die Allgemeinheit einbringst. Wenn du zum Beispiel hervorragend Klavier spielen kannst und Spaß daran hast, deine Mitmenschen damit zu begeistern, dann ist Individualität positiv. Hast du schon mal den entrückten Ausdruck eines guten Pianisten gesehen?"

"Habe ich noch nie drauf geachtet," gestand Jona.

"Da spielt seine Seele. Zurück zum Ego. Durchtränkt mit solchen Werten, wird das Ego eine Aufgabe wählen, die meist dem Ziel einer reiferen, erfahreneren Seele entgegen steht. Wenn nun beide, also Ego und Seele, ihr jeweiliges Ziel verfolgen, kommt es zum Kampf. Das ist oft ein Kampf, den man außen nicht spürt, den oft auch der Mensch nicht merkt. Wenn nun die Seele merkt, daß sie in diesem Körper nicht weiterkommt, dann versucht sie ihn zu verlassen. Natürlich versucht sie zuvor, mit dem Ego in Kontakt zu treten. Dazu sendet sie Signale aus, wie zum Beispiel Krankheiten, Unfälle, Schicksalsschläge ... ”

”Auch Herzinfarkte?”

”Ja, Herzinfarkte sind sehr beliebt heutzutage oder Magengeschwüre. Wenn aber das Ego nicht auf die Signale hört, dann beschließt die Seele den Körper zu verlassen. Das geschieht dann zum Beispiel durch Krebs. Natürlich gibt es auch noch andere Wege, Unfall oder Selbstmord zum Beispiel. Beim Krebs allerdings läßt die Seele dem Ego noch eine Chance. Immer wieder können Menschen den Krebs besiegen. In diesem Falle hat sich das Ego der Seele gefügt, hat seine Chefrolle aufgegeben. Du wirst feststellen, daß sich die Menschen nach einer überstandenen Krebserkrankung stark verändern.”

”Du behauptest also, daß die Seele die Zellen aufwiegelt und die dann zu Krebszellen werden?” versuchte Jona zu rekapitulieren.

”Ja."

Jona erinnerte sich an einen Fernsehbericht, den er vor kurzem gesehen hatte. ”Wissenschaftler haben festgestellt, daß spezielle Nahrungsmittel oder auch zum Beispiel Asbest zu Krebs führen.”

”Ja, aber nur, wenn die Zellen dafür bereit sind. Wie sonst erklärst du dir, daß die einen an Krebs erkranken und die anderen nicht, obwohl sie genau das Gleiche gegessen haben oder im gleichen asbestverseuchten Raum gesessen haben?”

Er hatte keine Erklärung, dafür aber eine neue Frage. ”Was hat dann diese neue Krankheit Aids für eine Bedeutung?”

”Nun, mit Aids setzt die Seele ein ähnliches Signal wie mit Krebs. Der Mensch kann Aids in seinem Körper besiegen. Aber nur, wenn er sein Leben stark verändert. Aids ist ein ganz klares Zeichen dafür, daß der Seele Liebe fehlt. Du weißt vielleicht, daß Aids meistens beim Geschlechtsverkehr übertragen wird. Also bei dem sogenannten Akt der Liebe. Aber die Menschen verlieren immer mehr die Liebe zueinander. Sie haben Angst voreinander und entfremden sich. Sie haben nur noch lieblosen Sex. Aids setzt für diese mangelnde Liebe ein Zeichen.”

”Das klingt ja wie eine Bestrafung.”

Gott lachte wieder. ”Es mag so klingen, ist aber nur ein Signal. Wie sollte sich die Seele denn sonst bemerkbar machen? Wenn das Ego die einfachen Signale nicht hören will, muß die Seele lauter schreien. Eine Seele würde niemals in Begriffen wie Strafe denken. Sie hat ihr Ziel vor Augen, und was diesem Ziel nicht dienlich ist, wird weggeräumt. Wenn dein Computer ständig etwas anderes macht, als du eingibst, wirfst du ihn auch weg.”

Jona stimmte ihm leise nickend zu. Doch was war dann mit Sebastian, schoß es ihm durch den Kopf. Er war doch noch so jung. Wieso konnte da seine Seele mit ihm schon so unzufrieden sein?

”Das ist eine sehr gute Frage,” riß ihn Gott aus seinen Gedanken. ”In diesem Falle gibt die Seele eine Vorwarnung. Vielleicht hat sie ja schon mehrere Leben auf diese Weise beendet und möchte nun diesmal unbedingt ihr Ziel erreichen. Eine zweite Möglichkeit wäre, sie hat sehr früh gemerkt, daß dieser Körper ihrem Ziel nicht dient. Die Seele hat freie Wahlmöglichkeit. Wenn sie einen Körper verlassen möchte, kann sie es. Dazu kann sie sich für Krebs entscheiden, für einen Unfall oder, wenn sie es sofort bei der Geburt merkt, kann sie den Körper einfach so ohne Grund wieder verlassen. Ihr Menschen nennt das den Kindstod bei Babys. Wir sprachen doch vorhin über leere Menschenhüllen. So sehen die aus.”

Jona hatte schon davon gehört. Ein Mädchen aus seiner Klasse sollte eine Schwester bekommen. Die Geburt verlief bestens, das Kind war gesund. Nach drei Tagen war es plötzlich tot. Keiner wußte warum.

”Wir kommen schon wieder von Sebastian ab,” mahnte Gott.

Da schoß Jona noch ein wichtiger Gedanke durch den Kopf. "Was ist, wenn ein Mensch ganz zufrieden ist mit der Aufgabe, die ihm das Ego ausgesucht hat?"

"Guter Gedanke. Aber wer oder was ist der Mensch?"

"Wie meinst du das?" Jona schaute Gott verblüfft an.

"Ich sagte doch vorhin, ein Mensch besteht aus Seele, Ego und Körper. Was bezeichnest du also als Mensch?"

"Ohps... stimmt, ich meinte den Körper," gab Jona lachend zu.

"Ein Körper kann nicht denken. Das wäre so, als würde ein Auto zu seinem Fahrer sagen 'Hey, ich fahr mal schnell zur Tankstelle, kommst du mit?'"

Jona mußte herzhaft lachen. Ein sprechendes Auto, das fand er gut.

”Ich habe es dir vorhin schon gesagt. Der menschliche Körper ist die Hülle für meine Energie, für die Seele. Die Seele soll in der Form eines menschlichen Körpers Erfahrungen sammeln. Welche Erfahrungen das sind, erzähle ich dir später.”

”Ja ja, immer erzählst du alles später,” maulte Jona.

Gott redete unbeirrt weiter. "Du kannst dir nun denken, daß ich die Seele so konzipiert habe, daß sie im Ende immer stärker ist als das Ego."

"Das ist aber ganz schön gemein."

"Gemein hin, gemein her, es geht nicht um Siegen. Die Seele hat ein Ziel und dem müssen sich alle unterordnen."

"Gibt es denn Menschen, die mit ihrem Leben zufrieden sind?” fragte Jona weiter.

"Natürlich gibt es die. Alle die, die ihre Aufgabe gefunden haben und deren Seele und Ego im Einklang stehen, die sind glücklich in ihrem Leben. Natürlich gibt es auch die, die es nur behaupten."

"Wie erkenne ich den Unterschied?"

"Aus kleinen Sätzen oder beiläufigen Bemerkungen kannst du heraushören, wie sich jemand wirklich fühlt. Wer zum Beispiel häufig sagt: das geht nicht, das taugt nichts, das ist unmöglich, das sollte man nicht tun, der kann kein gutes Gefühl in sich tragen. Oder Sätze wie: ja, das ist nicht schlecht, das wäre schön, das hätte ich auch gerne, aber ich bin auch ohne zufrieden, hoffentlich geht alles gut, zeugen nicht von wahrer innerer Zufriedenheit. Eindeutig sind natürlich Sätze wie: das kann man vergessen, das macht keinen Spaß, alles Scheiße, das Leben hat keinen Sinn. Alles ist öde...."

"...Hör auf, das klingt ja furchtbar," stoppte ihn Jona.

"Ja, das ist furchtbar. Und nun stell dir vor, du bombardierst den ganzen langen Tag deine Seele mit solch negativen Gedanken. Irgendwann..."

"... wird sie total irre und verwandelt normale Zellen in Krebszellen. Aber Sebastian redet nicht so."

"Er nicht, aber seine Mutter und seine Großmutter," klärte Gott ihn auf. "Er hat das mit der Muttermilch eingesogen. Seine Seele hat sich das so ausgesucht, quasi als ein leuchtendes Negativbeispiel. Für Sebastian ist das eine große Chance. Ich habe dir ja schon gesagt, seine Seele kennt das Ziel. Und sie führt ihn früh auf den Weg."

"Und wenn er stirbt?"

"Ja, dann muß er es nochmal probieren. Ich kann dich aber beruhigen, Sebastian wird leben."

"Woher willst du das wissen."

"Hey, ich bin Gott, wer sonst sollte es wissen?"

Beide mußten wieder lachen. Jona hatte viel Spaß mit Gott. Obwohl es sehr intensiv war, brachte ihn Gott oft zum Lachen. Der merkte, daß er nun mit seiner Lektion zum Ende kommen mußte. Jona hatte viel Neues erfahren, sein Kopf schwirrte. So gab ihm Gott zum Abschluß folgende Lektion:

"Untersuche die Menschen in deiner Umgebung einmal danach, welcher Charakter in ihnen steckt: Jäger, Sammler oder etwa ein Bauer. Beim nächsten Mal sprechen wir über die Seele, was sie genau ist und was sie will."

Er wünschte Jona noch einen erholsamen Tag und verschwand. Als der kurz darauf seine Augen öffnete, fühlte er sich erschöpft. Diese Lektion mußte er erst mal verarbeiten.


Kapitel 5

 

Jona war alleine im Zimmer, so konnte er noch ein wenig nachdenken. Schon seltsam, was er da alles erfahren hatte. Seelenwanderung, der Körper eine Hülle, das Ego. Das war ziemlich kompliziert, das mit dem Ego. Wie sollte er sich das vorstellen? Mehr als einen Flaschenverschluß oder wie den Stöpsel einer Luftmatratze? Keine Ahnung. Das Ego hält die Seele im Körper, sonst würden die Seelen einfach wieder entweichen und miteinander verschmelzen.

Was meinte Gott damit? Vielleicht mußte er es sich wie eine Flasche vorstellen. Eine Flasche gefüllt mit Wasser oder besser noch mit Gas. Ohne Deckel würde das Gas einfach entweichen und sich mit dem Gas aus anderen Flaschen vereinen. Logisch, da braucht man dann einen Deckel drauf. Ob wohl die Seele gasartig war? Na ja, Gott hatte ja versprochen, daß sie beim nächsten Mal über die Seele reden würden.

Plötzlich flog die Türe auf und Sebastian kam zurück. Er sah ziemlich geschafft aus. Er sagte nur kurz 'Hallo' und legte sich dann ins Bett. Er starrte an die Decke. Jona schaute ihn neugierig an. Eine Frage brannte ihm auf der Zunge, aber er konnte sie nicht formulieren. Gerade als er sich von Sebastian wegdrehen wollte, hörte er ihn leise vor sich hinmurmeln: "Also ehrlich, nach so einer Behandlung ist es schwer, an den Sinn einer Krankheit zu glauben. Aber vielleicht ist genau das der Sinn, daß ich dadurch stark werde." Dann drehte sich Sebastian um und schlief ein.

Jona dachte über seine Worte nach. Sollte er wirklich durch Schmerzen stark werden? Oder waren die Schmerzen nur eine Folge seines Kampfes gegen den Krebs? Vielleicht sollte er mal mit dem Krebs Kontakt aufnehmen, also ein persönliches Gespräch führen. So wie er mit Thomas redete. Er sollte ihm einen Namen geben und ihn dann rufen.

Mitten in seine Gedanken hinein sprang die Türe wieder auf, Robert kam zurück. Er war sichtlich gut gelaunt. "Meine Mama hat gerade angerufen, sie kommen am Wochenende vorbei."

"Deine Eltern?"

"Ja beide, sie kommen beide zusammen am Wochenende." Robert strahlte, er schien richtig glücklich bei dem Gedanken. So hatte ihn Jona noch nicht erlebt.

Nach der Schule schauten Jonas Freunde wieder vorbei. Sie alberten herum, Robert war total aufgedreht, er entpuppte sich als richtiger Komiker. Als er den Chefarzt parodierte, lagen alle vor Lachen am Boden. Selbst die Schwestern, die zur Ruhe ermahnen wollten, gackerten lauthals los. Robert spielte das gesamte Ärzteteam, das immer hinter ihm herwuselte. Er zog eine richtige Show ab.

Abends kam dann Mama alleine. Sie brachte ihm endlich sein Nintendospiel mit, aber leider die falschen Spiele dazu. Es waren alte Kassetten, für Jona alles Kinderkram. Sie schien etwas zerknirscht, als er sich darüber beschwerte. Zumindest machte sie sich eine Liste für den nächsten Tag.

Gerade als sie wieder auf ihn einreden wollte, daß das Rollerbladen doch so gefährlich sei, kam Papa herein. Schnell sprang sie auf, gab Jona einen Kuß, grüßte Papa ganz verlegen und verschwand. Papa grüßte ebenfalls linkisch zurück. Jona amüsierte sich über die beiden.

Papa brachte ihm zumindest eine neue Zeitung über Computerspiele mit, damit konnte er schon eher etwas anfangen. Sie redeten ein bißchen unwichtiges Zeugs, denn Papa war mit seinen Gedanken ganz wo anders. Zumindest riß er keine dummen Witze. In dieser Beziehung tat ihm die Trennung von Mama gut.

Später erzählte er Sebastian seine Idee, mit dem Krebs zu reden. Sebastian verstand anfangs nicht, was er damit meinte. Da schaltete sich Robert ein.

"Also ich finde die Idee toll, ich werde das gleich mit meiner Krankheit ausprobieren. Ich nenne sie Matthias. Ich spüre schon lange, daß sie mir was sagen will. Gestern zum Beispiel wollte sie mit mir sprechen. Ich sagte aber, ich will lieber mit Mama und Papa sprechen. Und jetzt kommen sie am Wochenende. Beide."

Danach schwiegen sie. Nach einer Weile sagte Sebastian plötzlich: "Ich nenne ihn Fritz, so wie mein Großvater. Der starb auch an Krebs. Ich war dabei, als er starb... Als sein Körper schon tot war, habe ich mich noch eine Weile mit ihm unterhalten. Er war irgendwie immer noch da. Dann hat er mir für mein Leben viel Glück gewünscht, hat gesagt, ich soll ihn rufen, wenn ich ihn brauche, und ist gegangen."

Jona wartete eine Weile, bis er ihn fragte: "Du hast deinen Opa sehr geliebt?"

"Ja, er war eigentlich mein Vater. Meinen richtigen Vater habe ich nie kennengelernt, der ist noch vor meiner Geburt abgehauen. Ich hatte dann noch ein paar Stiefväter. Aber Mama hatte nie Glück mit Männern. Die haben sie immer nur ausgenutzt, einer hat sie sogar geschlagen. Daher kommt auch die Narbe an meinem linken Auge, da bin ich mal dazwischen. Ich hatte Glück, beinah wäre ich auf dem Auge blind. Aber mein Opa war immer für mich da. Zumindest bis ich zehn war."

Jona dachte sich wieder, wie gut er es doch hatte. Bisher war in seinem Leben alles so harmonisch verlaufen, abgesehen von den Streitereien seiner Eltern. Die gingen ihm zwar ganz schön an die Nieren. Aber seine Eltern haben ihn nie geschlagen, und Mama war immer da, wenn er was brauchte.

 

Am nächsten Morgen nach dem üblichen Morgenritual mit Bettenmachen und Visite war Jona wieder alleine im Zimmer. Er war ein wenig aufgeregt, heute sollte er ja seine große Lektion über die Seele erhalten. Kaum hatte er sich dafür bereitgelegt, ging es auch schon los. Gott erschien ihm heute so richtig strahlend.

"Na, Jona, bist du bereit für die nächste Lektion?" begrüßte er ihn.

Er war bereit. Er war neugierig und wollte endlich die Wahrheit wissen.

"Gut, dann legen wir los. Hast du deine Aufgaben gemacht?"

Jona wurde es ganz heiß im Kopf, das hatte er total vergessen. Er sollte die Menschen in Kategorien einordnen. Wie waren sie noch mal: Jäger, Sammler, Bauer? Er entschuldigte sich sofort. Bei all dem, was gestern los war, hatte er einfach keine Zeit dafür gehabt.

"Na ist schon gut. Du weißt ja, du hast die absolut freie Wahl. Aber wir brauchen es heute eh nicht. Außerdem genügt es, daß du dir die Menschen vorstellst, die du kennst. Du kannst sie dann einer Kategorie zuordnen. Du wirst sehen, das ist ganz einfach. Wo sollen wir uns heute hinbegeben?"

"Wie hinbegeben?"

"Was hältst du von einem wunderschönen Weizenfeld?" Schwupps saßen sie mitten in einem goldgelben Weizenfeld. Der Weizen stand kräftig im Korn. Jona spürte die starke Energie, die von diesem Feld ausging. Kaum hatte er es sich bequem gemacht, da legte Gott auch schon los.

"Die Seele. Was denkst du, ist die Seele?"

"Also, du hast gestern gesagt, sie ist ein Teil von dir."

"Gut aufgepaßt. Und welchen Zweck hat sie? Du weißt ja, alles in der Natur hat einen Sinn."

Jona rekapitulierte. "Sie soll erschaffen und dazu muß sie Erfahrungen sammeln. Aber welche, das wolltest du mir sagen."

Gott lachte. "Stimmt. Vielleicht können wir uns das gemeinsam erarbeiten. Denn erinnere dich an meine Worte. Im Grunde wißt ihr alles, ihr müßt euch nur daran erinnern. In deiner Seele ruht alles Wissen des Universums oder einfacher gesagt, all mein Wissen. So wie in jeder Körperzelle der gesamte Bauplan für deinen Körper abgespeichert ist..."

"... so ist in jeder Seele der gesamte Plan des Universums gespeichert. Ich weiß. Ist das mit den Zellen schon wieder so ein Vergleich in der Natur?" Jona war neugierig.

"Sehr gut, anhand der Zellen kann ich dir wunderbar zeigen, daß alles zusammengehört und somit alles eins ist. Keine Zelle kann ohne die anderen leben. Alle Zellen im Körper haben ein gemeinsames Ziel: den Körper am Leben zu erhalten und ihm die nötige Energie zur Verfügung zu stellen, damit die Seele ihr Ziel erreichen kann. Funktioniert ein Teil nicht mehr, wird der Körper geschwächt. Funktioniert ein wichtiger Teil nicht mehr, wie zum Beispiel das Herz, stirbt der gesamte Körper."

"Na ja, das ist logisch, das weiß doch jedes Kind."

"Ja, beim Körper weiß das jedes Kind. Nur vermisse ich die Umsetzung des Gedankens auf andere Lebensbereiche. Hast du schon mal eine Stadt gesehen, in der die Müllabfuhr streikte?"

"Nein...." dachte er laut,"... doch, einmal in einem Film. Die Stadt versank förmlich im Müll."

"Richtig, trotzdem werden Müllarbeiter in ihrem Status als sehr gering eingeschätzt. Weil sie nämlich eine schmutzige Arbeit machen. Aber sie sind unheimlich wichtig für eine Gemeinschaft. Wenn sie den Müll nicht wegschaffen, gibt es in kürzester Zeit Seuchen. Die Ratten werden zur Plage, das Leben wird zur Hölle, viele sterben. Das Mittelalter ist voll mit solchen Epidemien. Nun übertrage das mal auf deinen Körper. Wenn sich die Gehirnzellen plötzlich für etwas Besseres halten und die Verdauungszellen, die Müllabfuhr des Körpers, verspotten, was passiert?"

"Dann könnte es sein, daß die Verdauungszellen streiken und, das haben wir in Biologie gelernt, dann vergiftet sich der Körper selbst. Dann werden die Giftstoffe nicht mehr abtransportiert, sondern bleiben im Körper."

"Kompliment, du denkst scharf mit."

Jona strahlte übers ganze Gesicht.

"Du siehst also, im Körper ist alles aufeinander abgestimmt..."

"... wie in der Natur auch. Aber was hat das mit der Seele zu tun?"

"Geduld, Geduld. Alle Zellen sind aus dem gleichen Stoff, aus der Erde, wie ihr so schön sagt. Nur, sie haben unterschiedliche Aufgaben im Körper. Und jede Aufgabe ist wichtig."

"Was ist mit so Sachen wie Blinddarm oder Mandeln, die kann man doch einfach rausnehmen, ohne daß der Mensch dabei stirbt."

"Du hast Recht, sie haben keine lebenswichtigen Funktionen. Entweder nicht mehr oder noch nicht. Du weißt ja, alles verändert sich ständig. Trotzdem haben sie eine Funktion im Körper: sie senden Signale aus. Jede Krankheit wie zum Beispiel eine Blinddarmentzündung oder eine Mandelentzündung ist ein Signal fürs Ego."

"Das Ego schon wieder, kriegt das denn niemals was mit, ohne daß es weh tut?" empörte sich Jona.

Gott lachte. "Doch, das Ego kriegt normalerweise alles mit, aber manchmal braucht es ein kräftigeres Signal, wie Unfall, Krankheit oder einen Schicksalsschlag. Doch zurück zu den Zellen. Alle sind aus dem gleichen Stoff. Sie haben zwar unterschiedliche Energiezustände, aber sie sind alle aus dem selben Stoff und somit eins."

"Alles ist eins," wiederholte Jona, "langsam verstehe ich das."

"Auch die Seelen sind eins, denn sie entstammen allesamt meiner Energie. Sie sind alle aus dem göttlichen Stoff gemacht, den ihr mit so vielen Worten beschreibt. Äther, Odem, Geist, Spirit, Ursuppe, Tachyon und und und... Wichtig ist nur, die Seelen sind alle aus demselben Stoff. Und somit ist keine besser oder schlechter als die andere. Die Seelen wissen das."

"Warum aber denken dann manche Menschen, daß sie etwas Besseres sind?"

"Das ist ein Ego-Problem, das Ego versucht sich abzugrenzen. Es strebt nach Individualität. Das ist seine Aufgabe. Es muß ja die Seele im Körper halten, und dazu muß sie Grenzen aufbauen."

"Sonst entweicht die Seele?"

"Ja, sonst entweicht sie."

"Hast du nicht gesagt, die Seele sucht sich ihren Körper aus? Warum muß sie dann ein Ego darin festhalten?"

"Die Seele braucht einen Gegenpol. Stell dir das Ego als Motor vor. Würdest du ein Auto ohne Motor fahren wollen?"

"Nein, natürlich nicht."

"Ganz abgesehen davon, daß es ohne Motor gar nicht zu fahren wäre. Das Auto wäre nutzlos. Also die Seele braucht das Ego, um ihre Ziele zu erreichen. Es ist sogar so, das wird dich jetzt ein bißchen verwirren, daß die Seele etwas von ihrer Energie und ihren Erfahrungen auf das Ego abgibt, denn je stärker die Seele ist, um so stärker muß auch das Ego sein. Mit einem zu schwachen Motor kann die Seele ihr Ziel nicht erreichen."

"Du hast recht, das verwirrt mich jetzt."

"Paß auf. Das Ego ist nicht schlecht. Du weißt ja, es gibt kein Gut und kein Schlecht."

"Ja ich weiß. Es gibt nur mir dienliches und mir, meiner Seele nicht dienliches."

"Wenn nun die Seele aus einem Körper weicht, also wenn der Körper stirbt, dann nimmt sie die Energie von Körper und Geist und somit auch vom Ego mit. Körper, Geist, Seele sind ja eine Einheit.

"Alles ist eins."

"Und diese Energie verteilt sie dann wieder, wenn sie in einen neuen Körper schlüpft. So ist gewährleistet, daß die Seele einen gleichstarken Partner hat. Stell dir vor, du würdest ein Computerspiel mit einem völligen Anfänger spielen. Das wäre total langweilig, du wärst überhaupt nicht gefordert. Spielst du dagegen mit einem gleichstarken Spieler, treibt ihr euch gegenseitig zu immer neuen Höchstleistungen. Du kannst nur weiterkommen, wenn du immer wieder über deine Grenzen hinauswachsen mußt."

"Stimmt, beim Rollerbladefahren gibt es jede Menge Jungs, die besser fahren. Das spornt an."

"Die nun größte Herausforderung für Seele und Ego ist die Zusammenarbeit. Sie müssen zusammenkommen. Menschen, deren Seele und Ego im Einklang stehen, erkennst sofort daran, daß sie eine ungeheure Harmonie und Zufriedenheit ausstrahlen. Da gibt es kein Drängen, kein Hetzen, kein Nörgeln, kein Jammern. Sie sind rund. Das kann sich natürlich im nächsten Leben ändern, wenn sich die Seele ihr Ziel neu steckt."

"Also, das mit dem nächsten Leben interessiert mich jetzt aber. Du hast mir gestern versprochen, daß du mir es heute erklärst, das weiß ich ganz genau."

Gott lachte. "Stimmt. Na gut, du weißt doch, alles in der Natur hat einen Sinn!"

"Weiß ich."

"Wenn dir unklar ist, ob es Seelenwanderung oder Reinkarnation gibt, dann frage einfach nach dem Sinn dafür: Wenn es sie gibt, welchen Sinn hat Seelenwanderung?"

"Vielleicht..." Jona dachte scharf nach, "... das hast du ja schon ein paarmal gesagt, weil die Seelen etwas lernen sollen, aber es nicht in einem Leben schaffen."

Gott schien mit der Antwort nicht ganz zufrieden. "Du hast recht, sie sollen sich ihrer schöpferischen Fähigkeiten wieder bewußt werden. Ein Leben reicht meist nicht aus, um all das Wissen zu aktivieren."

"Kann man das in einem Leben schaffen?"

"Wenn ihr euren Körper nicht so schnell verschleißen würdet, könntet ihr viel mehr in einem Leben schaffen. Die Seelenwanderung hatte ich nicht zwingend vorgesehen. Andrerseits gibt sie der Seele auch die Gelegenheit, diverse Todeserfahrungen zu machen."

"Klingt logisch. Also dann hat die Seelenwanderung einen Sinn."

"Nicht so schnell. Stell dir jetzt mal vor, jede Seele hätte nur ein Leben."

"Da wären alle beschissen, die früh sterben, bei einem Unfall oder im Krieg. Oder die Kinder in Afrika, die verhungern. Die hätten keine Chance sich zu entwickeln."

"Und denke an die Selbstmörder... an Menschen, die an Krebs oder Aids sterben."

"Was ist mit denen?" Jona war aufgeregt.

"Eine Seele wird einen Körper nur dann frühzeitig verlassen, wenn sie weiß, sie bekommt eine zweite Chance. Ansonsten wird sie versuchen, so lange wie irgend möglich in dem Körper zu bleiben und so viel wie möglich an Wissen mitzunehmen."

Jona schaute Gott mit großen Augen an, worauf wollte er hinaus?

"Stell dir vor, du sitzt in einem Boot auf dem Meer. Deine einzige Chance, das Ufer zu erreichen, ist, daß du im Boot bleibst. Würdest du aussteigen?"

"Natürlich nicht," entrüstete sich Jona.

"Also, warum sollte eine Seele einen Körper aufgeben, wenn es ihre einzige Chance wäre, sich zu entwickeln? Warum sollte sich eine Seele den Körper eines afrikanischen Kindes aussuchen, das von vornherein zum Verhungern verurteilt ist? Das kann sie doch nur, wenn sie weiß, sie hat noch eine zweite und dritte und noch viel mehr Chancen. Ich habe das Leben nicht als Lotterie angelegt, bei der es nur ein paar Gewinner gibt."

"Das Leben als Lotterie... das wäre gemein," pflichtete ihm Jona bei.

"Richtig, das wäre gemein und hätte nichts mit Liebe zu tun. Und ich liebe meine Seelen. Sie sind ein Teil von mir."

"Das wäre ja auch toll, wenn du sie nicht lieben würdest, dann wärst du ja reif für die Klapsmühle," scherzte Jona.

"Danke für deine Zustimmung. Was denkst du nun? Gibt es Seelenwanderung?"

Jona überlegte. Also wenn er eins und eins zusammenzählte, dann .... es konnte nur so sein. Plötzlich kam ihm sein Religionslehrer in den Sinn. Was der wohl dazu sagen würde. Der glaubte doch jedes Wort, was seine Kirche verkündete, so wie auch die vielen anderen Menschen. Schlimm!

"Es sind zwar viele, aber es gibt aber auch genügend, die anders denken," beruhigte ihn Gott. "All die alten Religionen aus dem Osten glauben an die Seelenwanderung."

"Warum klärst du dann die Menschen nicht einfach auf?"

"Du weißt doch, jeder Mensch hat völlig freie Wahl, was er glauben, denken, sagen und tun will. Ich darf mich da nicht einmischen, das ist nicht meine Absicht. Denke daran: eine Erkenntnis, die du selbst für dich herausgefunden hast, ruht viel tiefer in dir, als wenn man es dir einfach nur gesagt hätte. Nur die selbst erfahrenen Erkenntnisse bleiben wirklich haften."

Jona schmunzelte, er erinnerte sich an die Geschichte mit der Herdplatte. Die glühte immer so schön rot, wenn Mama oder Papa darauf kochten, so daß er sie immer berühren wollte. Eines Tages war Papa es leid, ständig aufpassen zu müssen, und ließ ihn auf die heiße Platte greifen. Er hatte fürchterlich geschrien. Mama hatte Papa die schlimmsten Vorwürfe gemacht, ihn sogar als Kinderschänder bezeichnet. Aber Jona hatte seine Lektion gelernt, er langte nie wieder darauf.

Sie schwiegen eine Weile, dann griff Jona den Faden wieder auf: "Also das mit der Seelenwanderung klingt logisch, aber wozu müssen denn die Seelen all das lernen?"

"Ich sehe schon, du denkst aufmerksam mit. Und es ist eine interessante Frage: wozu gibt es die Seelen, was ist ihr Ziel? Eins will ich gleich vorwegnehmen. Die Frage, warum gibt es einen Gott, also warum gibt es mich, werde ich nicht beantworten. Dazu reicht der menschliche Verstand nicht aus. Das mußt du mir einfach glauben."

"Schade, ich bin sicher, das hätte die anderen Fragen gleich miterklärt."

"Hätte es. Aber zurück zur Frage, warum gibt es Seelen?"

"Hmmm..." Jona holte tief Luft. "Weil du irgendwas machen willst und dazu eben die Seelen brauchst."

"Hey, gar nicht schlecht. Nächste Frage, wie bezeichnet ihr Menschen mich noch?"

Wieder dachte er scharf nach. "Schöpfer? Meine Oma sagt immer Schöpfer zu dir. Früher hab ich mir dann immer einen Suppenschöpflöffel vorgestellt, weil ich die andere Bedeutung nicht kannte."

"Witzige Idee. Ich, ein Suppenschöpflöffel." Gott grinste bei dem Gedanken. "Nun, was macht ein Schöpfer?"

"Er schöpft," entgegnete Jona ganz spontan.

"Richtig, er schöpft, er erschafft. Was machst du aber, wenn nichts da ist zum erschaffen. Wenn du keinen Raum dafür hast. Wenn das einzige, was du hast, das Wissen ist, daß du es kannst?"

"Dann werde ich... " er wußte nicht weiter.

"Paß auf. Wenn du weißt, du kannst ganz toll rollerbladen. Du hast aber keine Rollerblades, du hast keine Halfpipe, nicht mal eine Straße. Du hast nur den Gedanken. Dazu hast du aber alle Möglichkeiten, dir das alles zu schaffen, um dann Rollerblades fahren zu können. Was machst du?"

"Na, ich schaffe mir das alles."

"Siehst du, so ging es mir. Ich wußte, ich bin ein Schöpfer, aber ohne Möglichkeit, es auszuprobieren. Ich war in einem Zustand, in dem weder Raum noch Zeit existierte. Damit gab es auch keine Materie, keine Formen. Das ist der Zustand des Absoluten, des Unendlichen. Also schuf ich das Universum, die Erde und den ganzen Rest, den ihr mit solcher Hingabe erforscht."

"Willst du damit sagen, daß die Wissenschaft schlecht ist?"

"Nein, nein, ganz im Gegenteil, dadurch erinnert ihr euch wieder. Ihr werdet immer wieder Neues entdecken, was euch dann beim genauen Hinschauen bekannt vorkommt. Und, das haben wir schon zur Genüge geklärt, es gibt nichts Schlechtes. Und denke an mein oberstes Gesetz: freie Wahlmöglichkeiten."

"Wie hast du das gemacht, das mit dem Universum?"

"Ihr bezeichnet das Ganze als Urknall. Eure Wissenschaftler sagen immer, sie können den Urknall bis eine Nanosekunde nach dem Knall zurückverfolgen. Nur den Knall selbst können sie sich nicht erklären. Hier hast du die Erklärung. Sie ist so einfach, so logisch, daß sie ein Wissenschaftler nicht erkennen kann, oder besser nicht erkennen will. Das Einfache wird von euch Menschen niemals als Lösung anerkannt. Ihr glaubt, alles muß viel komplizierter sein. Ist es aber nicht. Wie ich es gemacht habe, das ist für euch und euer Leben unwichtig. Das werdet ihr herausfinden, wenn ihr wieder zu mir zurückkommt."

"Ist denn dann die Evolutionstheorie falsch?"

"Ja und nein. Ich habe alles so entwickelt, wie es heute ist. Und doch gab es eine Evolution. Evolution gibt es nur im Zustand des Relativen, also in Raum und Zeit. Ich komme jedoch aus dem Zustand des Absoluten. Dort gibt es weder Raum noch Zeit. Dort ist alles eine Frage der Betrachtung, wie du es gerade sehen möchtest. Willst du etwas rot sehen, ist es rot. Willst du es grün sehen, ist es grün. Einfach gesagt, dort herrscht grundsätzlich der Zustand, den du denkst. Dort ist Gedanke gleich Sein. Zum Beispiel das Weizenfeld um uns herum ...."

Jona merkte erst jetzt wieder, daß er noch immer in dem saftigen Weizenfeld saß. Er hatte den Worten Gottes so gebannt gelauscht, daß er alles um sich herum vergaß.

" ... Es ist nichts weiter als ein Gedanke. Wenn ich nun an Berge denke ...."

Schwupps saßen sie mitten im Gebirge. " ... oder an eine Insel in der Südsee ..." Schon lagen sie an einem wunderbaren Sandstrand. " ... in der absoluten Welt ist alles nur einen Gedanken weit entfernt. Egal, was immer du möchtest, du mußt es dir nur vorstellen."

"Also wollte ich jetzt ein Eis, muß ich es mir nur vorstellen?"

"Ja, nur daß du das Eis dann auch schon gegessen hättest. Du würdest dich dann als Eisgegessen sehen. Nicht mal als eine Person, sondern nur Eisgegessen."

"Entschuldige, das klingt ein bißchen wirr."

"Ich weiß, das ist nicht leicht zu verstehen. Stell dir vor, du bist Wasser mitten im Meer. Überall um dich herum nur Wasser, grenzenlos. Über dir, unter dir, rechts, links von dir nur Wasser. Jetzt spürst du, du kannst Dinge erschaffen. Du stellst dir alle möglichen Dinge vor. Aber du bist nur Wasser. Es gibt nirgendwo Ufer oder Land, das dich begrenzt. Du kannst Dir nun vorstellen, du bist Feuer. Und es stimmt, weil ja niemand da ist, der nein sagt, der es anders definiert. Du kannst dir auch vorstellen, du seist ein Haus, Federn, Trommeln, Hosenträger oder was immer du willst. Alles würde stimmen, denn es ist absolut. Und im Absoluten gibt es keinen Gegenpol. Keine Relation. Nichts, worauf sich etwas bezieht. Erst wenn ich zwei Dinge voneinander unterscheide, indem ich sie in eine Beziehung zueinander setze, kann ich das eine als etwas definieren, und das andere als etwas anderes."

Jona war total verwirrt. Gott suchte nach einem Beispiel.

"Woher weißt du zum Beispiel, daß ein Hammer ein Hammer ist und ein Meißel ein Meißel."

"Das weiß man halt."

"Du weißt es, weil du es schon mal gesehen hast. Weil man dir sagte, das ist ein Hammer und das ist ein Meißel."

"Mein Papa hat mir das mal gezeigt," verkündete Jona stolz.

"Hätte dir dein Papa jetzt aber nur einen Meißel gezeigt und gesagt, das sei ein Hammer, dann würdest du fortan zu einem Meißel Hammer sagen. Im Absoluten hätten Hammer und Meißel keine Form. Deshalb könntest du sie nicht voneinander unterscheiden, trotzdem wären sie Hammer und Meißel. Im Relativen aber gibt es die Form. Und weil die eine Form im Vergleich, also in der Relation, anders ist als die Form des anderen, weißt du, daß es zwei verschiedene Dinge sind, nämlich Hammer und Meißel. Und du weißt auch, was was ist. Du würdest niemals einen Meißel für einen Hammer halten."

"Niemals, als Junge sollte man sowas unterscheiden können," bestätigte Jona mit Nachdruck.

"Unterscheiden geht aber nur durch Formen. Gehen wir zurück zum Wasser. Ein Wassertropfen ist eine Form. Aber im Wasser kannst du keinen Wassertropfen mehr erkennen. Dort verliert der Tropfen seine Form, obwohl er weiter als Tropfen existiert."

"Klingt logisch."

"Das ist der Unterschied zwischen den beiden Welten, der absoluten und der relativen. Ihr lebt in der relativen Welt. Und in der geht es darum, Dinge zu erschaffen. Ich möchte dir noch ein letztes Beispiel geben: Woher weißt du, daß diese Rose schön ist?" Er hielt plötzlich eine wunderschöne langstielige Rose in der Hand.

"Das sieht man doch."

"Gut, dann beschreibe mir die Rose."

"Also sie ist groß, hat rote Blätter. Mann, die leuchten ja so richtig saftig rot." Er war fasziniert, er hatte noch nie eine so perfekte Rose gesehen. "Sie hat einen saftigen grünen Stiel, und der ist auch gar nicht krumm."

"Und was sagst du zu dieser?" Gott hielt plötzlich eine Rose mit krummem Stiel in der Hand. Die Blätter waren schon ganz braun und hingen müde nach unten.

"Die ist häßlich." Worauf wollte Gott hinaus?

"Siehst du, du weißt, wann eine Rose schön ist und wann sie häßlich ist. Du hast sie gegenübergestellt, in eine Beziehung zueinander gestellt und du hast entschieden."

"Sollte ich das nicht tun?" fragte Jona unsicher.

"Doch, natürlich. Ich wollte dir nur zeigen. Du brauchst diese Gegenüberstellung, um ein wirkliches Bild zu erhalten. Erst die Form und die Gegenüberstellung zeigen dir, daß du geschaffen hast und was du geschaffen hast. In der relativen Welt existieren Dinge wirklich. In der relativen Welt kann ich mein Wissen mit praktischen Erfahrungen anreichern."

"Und darum existieren wir?" fragte Jona enttäuscht.

"Ja..., durch euch erfahre ich mich als Schöpfer. Reicht dir das nicht?"

"Also ich dachte, da gäbe es einen viel größeren Grund."

"Selbst wenn es ihn gäbe, er wäre für euch in der relativen Welt nicht wichtig. Ihr müßt erst eure Macht wieder entwickeln, die Gesetze der Natur und der Schöpfung wieder entdecken. Dann kannst du mir solche Fragen stellen. Nur, dann wirst du sie nicht mehr stellen, weil du dann bereits mein Wissen hast."

"Was sind das denn für Naturgesetze?"

"Das werde ich dir in einem anderen Gespräch erklären. Das bringt uns zu weit vom heutigen Thema ab."

"Ja ja, Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut."

Gott lachte. Er liebte es, wenn Jona ihn zitierte.

"Verstehst du jetzt, warum die Seele ein starkes Ego braucht?" fuhr er nach kurzer Pause fort.

"Nicht so ganz."

"Um etwas zu erschaffen, bedarf es schon einer gewissen Anstrengung. Ich habe auch nicht einfach nur mit den Fingern geschnippt und wums gab es den Urknall. Im Grunde war es leicht, aber es bedurfte einer ungeheuren geistigen Anstrengung, es zu wollen. All eure Atombomben und Atomreaktoren zusammen genommen ergäben dagegen nur einen unbedeutenden, kleinen Rums."

"Dann muß das ganz schön gerumst haben."

"Deine Mama hätte gesagt, mach nicht so einen Lärm."

Beide lachten.

"Zurück zur Seele. Wenn sie eine solch starke, mentale Kraft entwickeln soll, braucht sie ein ebenso starkes Ego als Gegenspieler."

"Wer hat das so festgelegt?"

"Ich. Die Seelen sind mein ausführendes Organ, sie verschaffen mir die praktischen Erfahrungen. So wie die Seele einen Körper braucht, um sich zu verwirklichen, so brauche ich die Seelen, um mich zu verwirklichen."

"Dann sind wir Menschen ja ... dein Körper," stellte Jona fest.

"Wobei der einzelne Mensch einer Zelle in eurem Körper entspricht."

"Es wiederholt sich ja wirklich alles in der Natur."

"Drum sollt ihr ja auch die Natur genau beobachten. Ihr könnt viel lernen dabei."

"Du meinst wiederentdecken," sagte Jona und grinste frech.

"Wiederentdecken!" Gott schmunzelte. "Das hab ich gerne, wenn mein Schüler zu meinem Lehrmeister wird ... aber weiter. Wenn eine Seele stark genug ist, wenn sie genügend Erfahrung im Erschaffen gesammelt hat, ihr Ziel erreicht hat, wird sie sich mit der Energie des Ego vereinen und zu mir zurückkehren. Ihr nennt das 'Transzendieren'."

"Kenne ich nicht, das Wort." Jona schüttelte heftig den Kopf.

"Ich wollte es ja auch nur mal gesagt haben, sonst beschwerst du dich wieder, daß ich dich als kleinen Jungen behandle."

"Okay, schon kapiert. Wie war das Wort noch: Transzendieren?"

"Richtig. Die katholische Kirche übrigens bezeichnet es als der Tag des Jüngsten Gerichts. Eine kleine Unsinnigkeit, denn, wie du weißt, richte ich nicht. Und an diesem Tag, sagen sie, werde ich die mitnehmen und erlösen, die mir gehorsam und demütig waren. Der Rest wird im Ewigen Fegefeuer verbrennen. Als ob ich verurteile und bestrafe?" Gott war sichtlich empört.

"Warum erzählen die das dann?"

"Erst Unwissenheit und dann weltliche Gründe, Macht, Geld und so weiter. Zeitweise steckten sogar ehrliche Absichten dahinter. Man glaubte, die Menschen damit zum rechten Glauben zwingen zu können. Aber mit Zwang funktioniert es nicht. Druck erzeugt immer Gegendruck."

"Stimmt. Wenn ich zu etwas gezwungen werde, habe ich null Lust dazu," pflichtete ihm Jona bei.

"Deshalb habe ich ja auch die absolut freie Wahlmöglichkeit geschaffen. Genau das war der Grund. Bevor wir weiter fortfahren, möchte ich dich noch um etwas bitten... Sei vorsichtig, wem du diese Dinge, die ich dir hier anvertraue, weiter erzählst. Viele werden dir nicht glauben, dich für einen Ketzer oder für verrückt halten. Was sogar stimmt, du bist nämlich abge-rückt von den üblichen Denkanschauungen, du bist sozusagen ein Ver-Rückter. Also überlege genau, wem du was erzählst."

"Puh... das klingt ja gefährlich."

"Früher war das auch gefährlich. Denke nur an Galileo, der behauptete, daß die Erde rund sei. Man hat ihn hingerichtet. Wäre Luther nicht so gut geschützt worden, hätte man ihn sicherlich auf dem Scheiterhaufen als Ketzer verbrannt."

"Da hattest du doch sicherlich die Finger mit im Spiel?"

"Gut, es war an der Zeit, daß was geändert wurde, und so habe ich für das richtige Umfeld gesorgt. Aber die Kraft und den Wunsch, es durchzustehen, zog er aus sich selbst heraus. Du hast natürlich recht, daß ich immer wieder eingreife, wenn die Welt aus dem Ruder zu laufen droht."

"Was machst du dann?"

"Ich schicke euch die entsprechend reifen Seelen, die das Ruder wieder herumreißen können. Also jemanden wie Luther zum Beispiel. Das sogenannte "Böse" hat keine Chance."

"Wie war das dann mit Hitler?" fragte Jona neugierig.

"Gibt es das tausendjährige Reich noch?"

"Nein, zum Glück nicht."

"Hitler ist allerdings ein wunderbares Beispiel dafür, daß sich das sogenannte Böse nicht lange halten kann. Sicher interessiert dich, wie ich solch ein Monster zulassen konnte?"

"Genau." In Jonas Stimme schwang ein empörter Unterton mit.

"Freie Wahlmöglichkeiten."

"Also das ist Blödsinn, wer will schon ein Monster wie Hitler?"

"Ihr Menschen. Meinst du, Hitler hätte auch nur den Hauch einer Chance gehabt, wenn ihn nicht unzählige Menschen unterstützt hätten? Er hat die Gelegenheit nicht geschaffen, er hat sie nur ergriffen. Millionen von Menschen haben mitgemacht und viele davon taten es gerne. Hitler schuf eine Gemeinschaft. Er gab ihrer Angst ein Ventil. Jahrelang aufgestaute Angst wurde gebündelt und bekam ein konkretes Ziel."

"Du meinst die Juden?"

"Und die restliche Welt, mit der Hitler Krieg führte. Hitler war durchsetzt von panischer Angst. Getrieben von Verfolgungswahn und Haß schuf er überall Feindbilder. Mit diesen Feindbildern vermochte er das Volk in einer noch nie dagewesenen Weise zu begeistern. Er konnte sie zu noch nie dagewesenen Höchstleistungen motivieren. Er gab dem deutschen Volk das heißersehnte Gefühl der Einheit, allerdings erbaut auf einem Gebilde von Haß und Angst."

"Du machst mir Angst, du erzählst so begeistert von ihm?" entsetzte sich Jona.

"Hitler war menschlich gesehen ein Monster," beruhigte ihn Gott. "Nur betrachte ihn mal losgelöst von Emotionen. Betrachte seine immense Schaffenskraft. Er hat es fertiggebracht, eine ganze Nation auf ein gemeinsames Ziel einzuschwören. Eine ganze Nation hat mit ihrer gesamten Arbeitskraft auf dieses Ziel hingearbeitet. Er hat es fertiggebracht, eine ganze Nation von der Richtigkeit der Judenermordung zu überzeugen. Menschen, die zuvor in der Kirche gelernt hatten: Du sollst nicht töten!"

"Jetzt bist du aber makaber. Du hast doch die Juden als dein Volk auserwählt."

"Ich habe sie als meine Boten auserwählt, weil sie da waren und offen für meine Worte. Sie sollten meine Botschaft verkünden. Aber ich habe sie nie als mein bevorzugtes Volk auserwählt. Ich bevorzuge nie jemanden, das solltest du wissen. Alles ist eins, alles ist Gott, ich. Welchen Teil von mir sollte ich bevorzugen?"

"Du hast recht, das ergibt keinen Sinn. Entschuldige bitte, daß ich so dumm gefragt habe."

"Im Gegenteil, du hast wunderbar gefragt. Stelle mir viele solcher Fragen, sooft du nur willst. Das ist mir viel lieber, als wenn du nur zuhörst. Um es nochmal klar zu sagen. Ich liebe alle gleich, es gibt keinen Unterschied. Denke an die Seelenwanderung. In dem einen Leben steckt die Seele in einem jüdischen Körper, im nächsten Leben ist sie vielleicht sogar Hitler selbst und läßt die Juden ermorden. Soll ich sie vorher also über alles lieben und dann hassen?"

"Ich verstehe, was du meinst. Aber bei dem vielen Leid, das Hitler über die Menschen gebracht hat, fällt es mir schwer, ihn zu lieben."

"Das mußt du auch nicht. Du sollst ihn nur verstehen und die Botschaft, die er für die Menschheit bereithält."

"Botschaft?"

"Ja. Ich sagte doch vorhin, Hitler hat die Gelegenheit nicht geschaffen, sondern nur ergriffen. Er war ein Ventil, das die allgemeine Angst bündelte und ihr eine Richtung gab. Aber im Grunde war jeder Hitler. Hitler steckte in allen und er steckt nach wie vor in allen."

"Wie meinst du das?"

"Hitler ist nichts anderes als ein Bild für eure Angst. Eure Lebensangst."

Jona schaute ihn mit großen Augen an. "Lebensangst?"

"Ja, ihr lebt im ständigen Zustand der Lebensangst. Doch ihr drängt sie weg, beschäftigt euch nicht mit ihr. Aber Angst schürt Aggression und dafür braucht ihr ein Ventil: ihr streitet, führt Kriege, schlagt euch gegenseitig tot. Selbst aus friedlichsten Menschen können Monster werden. Denke nur an die Väter und Mütter, die die Mörder ihrer Kinder im Gerichtssaal niedergeschossen haben."

"Das kann ich aber verstehen, das macht mich auch total wütend."

"Es mag verständlich sein, zeigt aber, daß genug aggressive, mörderische Energie in jedem steckt. Das müßt ihr erkennen."

"Und warum erkennen wir es nicht?"

"Weil Aggression und Tod für euch Tabus sind. Ihr denkt nicht über den Sinn nach. Gerade der Tod ist für euch Menschen etwas Furchtbares. Du siehst die vielen Millionen Toten eines Krieges, die vielen Einzelschicksale, das gewaltige Elend und Leiden, das durch einen Krieg über die Welt kommt. Aber der Tod betrifft nur den Körper, der ist nur eine Hülle. Was zählt, ist die Seele, und die kann nicht sterben. So sinnlos ein Krieg auch erscheinen mag, er hat einen Sinn. Sonst gäbe es ihn nicht."

"Alles in der Natur hat einen Sinn," bestätigte Jona.

"Richtig, und alles passiert aus einem bestimmten Grund und immer zu eurem Besten. Auch wenn es manchmal nicht danach aussieht. Das hängt mit der absoluten Welt zusammen. Die Seelen kommen aus der absoluten Welt und gehen in die absolute Welt zurück, also geschieht auch das Beste immer aus der Sicht der absoluten Welt."

"Willst du damit sagen, daß der zweite Weltkrieg gut war?"

"Es gibt kein Gut und Schlecht. Denke daran. Er war dienlich für die Seelen aus der Sicht der absoluten Welt. Nochmals zu Hitler. Was machte ihn so besonders? Er schwor eine ganze Nation auf ein gemeinsames Ziel ein. Binnen kürzester Zeit schufen die Menschen dort enorme Dinge. Sie entwickelten bis dahin unvorstellbare Waffen, sie vereinten geballtes Wissen. Unter dem Druck des gemeinsamen Zieles wurden in nur wenigen Jahren mehr Dinge erfunden, als zuvor in einem ganzen Jahrhundert."

"Na toll. Du findest es also gut, wenn man Waffen erfindet?"

"Jede Erfindung kann so oder so genutzt werden. Denke nur mal an ein Messer: Der Chirurg rettet Leben, der Mörder tötet Leben, der Künstler schafft ein Kunstwerk und ein Koch bereitet Essen damit zu."

"Hmmm"

"Sie entwickelten ja nicht nur Waffen. Sie bauten Wege und Versorgungssysteme auf. Verstehe mich bitte richtig: ich heiße es weder gut noch schlecht, was sie machten. Ich sehe nur die immense Schaffensenergie, die sie durch ihr gemeinsames Ziel entwickelten. Das ist das Interessante: ein gemeinsames Ziel bündelt die Energien zu etwas Großem. Ein kleines Volk brachte die gesamte restliche Welt zum Schwitzen."

"So habe ich das noch gar nie betrachtet."

"Konntest du ja auch gar nicht. So wird das nirgendwo unterrichtet. Man hat sich darauf geeinigt, Hitler war ein Monster und alles, was er machte, war teuflisch."

"War es ja auch."

"Stell dir doch einmal vor, Hitler hätte ein positives Ziel gehabt. Er hätte die Gesetze der Natur, die er instinktiv anwandte, für ein positives Ziel genutzt. Kannst du dir vorstellen, welche Macht er dann freigesetzt hätte?"

"Ist da noch mehr möglich?"

Gott lächelte Jona an und sprach mit eindringlicher Stimme: "Viel mehr. Das waren erst ein paar Prozent der wirklichen Macht."

"Jesus Christus war doch so ein positiver Hitler?"

"Sehr gut beobachtet. Jesus agierte aus dem Gefühl der Liebe heraus. Im Gegensatz zu Hitler hat er mittlerweile ein zweitausendjähriges Reich. Und es wird noch länger währen, er hat es nicht begrenzt. Siehst du nun, was möglich ist?"

"Also Jesus hatte mit Sicherheit mehr Erfolg."

"Und er wird geliebt. Nun stell dir mal vor, du bist so ein positiver Hitler, ein Jesus. Und du stimmst deinen ganzen Körper auf ein positives, deiner Seele dienliches Ziel ein. Und alle deine Zellen, deine Seele und dein Ego ziehen an einem Strang, was meinst du, wird passieren?"

"Dann könnte ich die Welt verändern." Jona erschrak.

"Dann wirst du die Welt verändern. So, für heute haben wir genug gesprochen," brach Gott abrupt die Unterhaltung ab. "Du hast nun genug zum Nachdenken. Tschüß bis bald."

Jona wollte noch ein "Tschüß bis morgen" hinterherrufen. Aber Gott war schon weg.

 

Er lag wie erschlagen im Bett. Das war wirklich viel zum Nachdenken. Zum Glück dauerte es eine ganze Weile, bis Robert und Sebastian zurückkamen. Am Nachmittag hatte er wieder den üblichen Spaß mit seinen Freunden, vor allem mit Robert, der nochmals zu neuen Höchstleistungen in Sachen Parodie auflief.

Später kam dann Papa. Er kam früher als erwartet. Er wollte vor Mama da sein, um in Ruhe mit Jona reden zu können. Jona spürte, daß Papa wegen der Trennung ein schlechtes Gewissen hatte. Irgendwie war sich Papa selbst nicht ganz im Klaren, ob er da richtig gehandelt hatte, denn er suchte laufend nach Entschuldigungen. Nach einer Weile sagte Jona zu ihm:

"Papa, hör auf, dich zu entschuldigen. Wenn es richtig war, daß du ausgezogen bist, wirst du es merken. Und wenn du merkst, daß es nicht richtig war, dann bist du froh, daß du es gemacht hast. Sonst hättest du es nie feststellen können."

Papa staunte. Seit wann konnte ihm sein eigener Sohn solche Ratschläge geben? Aufmerksam hörte er ihm zu, ohne sich darüber lustig zu machen. Jona merkte das. Auch, wie eng er plötzlich mit seinem Vater verbunden war. Er spürte, wie sehr er Papa liebte, selbst wenn sich Papa manchmal blöde benahm. Da riß ihn Papa mit einer Frage aus seinen Gedanken.

"Was mache ich, wenn ich merke, daß ich einen Fehler gemacht habe, und Mama will mich nicht mehr zurückhaben?"

"Papa," antwortete Jona und schaute ihm dabei ganz tief in die Augen, "wenn ihr zwei zusammengehört, dann wird das mit Mama auch wieder klappen. Und wenn nicht, dann soll es so sein."

"Meinst du?" Papas Stimme klang unsicher.

Jona nickte. "Alles passiert immer aus einem bestimmten Grund und immer zu deinem Besten."

"Bist du da sicher?"

"Ganz sicher."

Papa drehte sich ab. Jona glaubte zu spüren, daß er weinte. Er hatte ihn noch nie weinen sehen, das konnte er sich bei ihm gar nicht vorstellen. Da drehte sich Papa zu ihm um und preßte ein ersticktes "Ich muß jetzt gehen. Ich liebe dich, Jona" heraus.

Dann stand er auf und ging zur Türe. Jona wurde es warm ums Herz. Das hatte Papa noch nie zu ihm gesagt: Ich liebe dich. Schon komisch, da mußte er erst im Krankenhaus liegen, um das von Papa zu hören. An der Türe drehte er sich noch ein letztes Mal um. Jetzt sah Jona es ganz deutlich, in seinen Augen standen Tränen. Nur ganz leicht, aber Jona sah es. "Tschüß bis morgen, Jona."

"Tschüß Papa. Und Kopf hoch, alles wird gut, ganz sicher!"