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Der Traumjob

 

Ein außergewöhnlicher Dialog

Werner Dück

Lieber Leser, / Liebe Leserin,

Sie haben sich nun dieses Buch gekauft, geliehen - oder auch geschenkt bekommen - aus einem ganz bestimmten Grund. Ich weiß nicht aus welchem, den können nur Sie selbst herausfinden. Ich weiß nur, es gibt keine Zufälle, bzw. es gibt sie, denn es ist Ihnen nun zugefallen. Das heißt, es hat etwas mit Ihnen und Ihrer Situation zu tun.

Wie gesagt, ich weiß es nicht. Das herauszufinden, darf ich Ihnen überlassen. Manchmal sind die Zusammenhänge sofort klar, manchmal liegen sie sehr im Verborgenen und wir erkennen sie erst später, manchmal sehr viel später. Lassen Sie sich davon nicht entmutigen. Seien Sie einfach immer wach dafür und die Antwort wird zu Ihnen kommen. Garantiert!

 

Ich darf Sie nun mitnehmen auf ein kleines Abenteuer: Eine Reise in die Phantasie. Ein Spiel in Ihrem Geist. Das heißt, Sie als Leser dürfen wie ein Schauspieler in die Rolle des/der Alex schlüpfen, in die Hauptrolle. Der Text ist für beide Geschlechter konzipiert. Aus diesem Grunde stehen männlich/weiblich durch einen Schrägstrich getrennt zusammen. Die Version für die Frau ist zusätzlich durch Kursivschrift gekennzeichnet. Es handelt sich also nicht um einen Schreibfehler, sondern ist so gewollt. Konzentrieren Sie sich am besten nur auf Ihr Geschlecht, dann läuft das Lesen flüssig.

 

Beginnen wir nun die Reise:

Stellen Sie sich einen Fahrstuhl und eine Person darin vor. Die Person sollte Ihr eigenes Geschlecht haben. Der Einfachheit halber habe ich für die Hauptperson einen Namen ausgewählt, der für beide Geschlechter steht: ALEX

Dann stellen Sie sich für den Fahrstuhl eine Stimme vor. Ja, Sie haben richtig gelesen, ein sprechender Fahrstuhl! So etwas gibt es in Ihrem Geist. Stellen Sie sich die Stimme mit einem fast kindlichen, einfühlsamen Klang des anderen Geschlechts vor. Sind Sie männlich, ist die Stimme des Fahrstuhls weiblich, und umgekehrt.

Alex stellen Sie sich bitte folgendermaßen vor: Alter ca. 40 Jahre, von Beruf leitender Texter/ leitende Texterin in der Werbebranche. Es kann auch ein anderer Beruf sein, einer, den Sie gerne machen würden. Für unsere Geschichte ist das eher von geringer Bedeutung. Sie können auch jünger oder älter sein. Das alles ist nicht sonderlich wichtig. Allerdings müssen Sie dann etwas umdenken, deshalb schlage ich fürs erste Lesen vor, nehmen Sie mein Bild vom Texter/Texterin (zur Info: ein Texter erstellt Werbetexte und -konzeptionen).

 

Sobald Sie beide Bilder lebendig in Ihrem Geiste aufgestellt haben, bringen Sie diese zusammen und werden Sie zum Schauspieler in Ihrem Geiste. Sie sind nun der/die 40 jährige Texter/Texterin Alex. Ich werde Sie im Text nun direkt mit Sie ansprechen. Sie haben heute ein Gespräch bei einer sehr angesehenen Werbeagentur, in die Sie als Creative-Direktor/Creative-Direktorin (zur Info: Leitung der kreativen Abteilung) mit Aussicht auf einen Posten in der Geschäftsleitung einsteigen wollen.

Wichtig ist, Sie stehen damit kurz vor der Erreichung eines Ihrer Karriereziele. Eines Zieles, von dem Sie denken, daß es für Sie ganz entscheidend ist. Mit diesem Ziel hätten Sie erreicht, was Sie sich schon lange sehnlichst gewünscht haben.

Extra zu diesem Zweck haben Sie sich ein neues Outfit mit Anzug/Kostüm, Hemd/Bluse, Krawatte/Schal und Schuhen gekauft. Letztere drücken ein wenig. Perfekt gestylt betreten Sie das Gebäude der Werbeagentur. Es ist 13.55 Uhr. Um 14.00 Uhr haben Sie den Termin. Sie haben die Zeit genau geplant. Sie wissen, wenn Sie zu früh kommen, sieht es so aus, als wollten Sie den Job unbedingt. Kommen Sie zu spät, macht es einen schlechten Eindruck.

Deshalb gehen Sie noch kurz in der Empfangshalle auf und ab, machen ein paar Atemübungen, die Sie aus einem Seminar für Streßabbau her kennen, so daß Sie exakt zwei Minuten vor dem Termin oben im 21. Stock ankommen werden. Das ist der perfekte Zeitpunkt. Ihnen ist bewußt, daß Ihre Aufregung unangebracht ist, schließlich ist die Agentur über einen Headhunter an Sie herangetreten. Trotzdem beschleicht Sie eine leichte Nervosität.

Ein letzter Kontrollblick in den großen Spiegel neben dem Aufzug, dann betätigen Sie den Knopf und warten auf den Fahrstuhl. Der Fahrstuhl öffnet sich, Sie steigen ein, checken nochmal die Uhrzeit, atmen ein letztes Mal tief durch und drücken dann die Einundzwanzig auf der Schalttafel. Der Fahrstuhl bewegt sich nach oben. Plötzlich, mit einem kleinen Ruck, bleibt er zwischen dem 16. und 17. Stockwerk stehen.

 

Sie sind natürlich zunächst erstaunt und drücken nochmals die Einundzwanzig auf der Schalttafel. Nichts rührt sich. Sie drücken wieder und wieder, doch nichts bewegt sich. Wütend schlagen Sie mit der Faust auf die Schalttafel. Doch, ... kein Mucks.

Ein Blick auf Ihre Uhr macht Sie nervös. Sie betätigen den Knopf für die Gegensprechanlage des Aufzugs. Mit dem Ohr am Lautsprecher warten Sie auf Antwort. Aber, es ist nichts zu hören. Wütend trommeln Sie auf den Knöpfen der Schalttafel herum.

 

Fahrstuhl
Auaaa!!

 

Sie horchen auf und drehen sich um. Doch außer Ihnen und Ihrem Aktenkoffer ist niemand in dem Aufzug. Sie schütteln den Kopf, sicherlich haben Sie sich verhört. Ein erneuter Blick auf die Uhr holt Sie zurück in die Realität. Der Fahrstuhl steht noch immer. Sie wollen gerade ausholen, um mit aller Kraft gegen die Schalttafel zu schlagen, da hören Sie wieder die Stimme.

 

Fahrstuhl
Auaaa!! Hörst du auf, zu schlagen.

 

Sie sind verwirrt, es ist doch niemand im Raum? Vorsichtig fragen Sie in die Stille:

 

Sie
Wer spricht da?

 

Fahrstuhl
Na ich.

 

Sie
Wer ist ich?

 

Fahrstuhl
Na ich, der Fahrstuhl.

 

Sie
Unheimlich witzig. Soll das versteckte Kamera sein?

 

Fahrstuhl
Nein, ich bin es wirklich, ... der Fahrstuhl.

 

Sie
Natürlich der Fahrstuhl und ich bin der Kaiser von China. Ist das vielleicht ein Bewerbungstest?

 

Fahrstuhl
Nein, ich bin der Fahrstuhl.

 

Sie (ironisch)

Na logisch, Fahrstühle sprechen ja auch ständig mit ihren Fahrgästen. Das ist ganz normal.

 

Fahrstuhl (leicht beleidigt)

Also normal ist das wahrscheinlich nicht. Aber wenn Du meinst.

 

Sie suchen den Fahrstuhl nach einer versteckten Kamera ab. Die Decke, die Seitenwände, den Boden - aber es ist nichts zu finden.

 

Sie
Irgendwo muß doch hier eine Kamera sein. Die sind ganz schön ausgefuchst, das ist garantiert ein Test: Umgang mit ungewöhnlichen Situationen oder so.

 

Fahrstuhl
Du bist witzig.

 

Sie
Was soll heißen, ich bin witzig?

 

Fahrstuhl
Na wie du so herumsuchst, das ist witzig.

 

Sie (wütend)

Ja unheimlich witzig, ich lach mich tot. Ich muß in ein paar Minuten bei einem wichtigen Termin sein und habe keine Zeit für solche Scherze.

 

Fahrstuhl
Warum ist er wichtig?

 

Sie
Es geht um meine Zukunft.

 

Fahrstuhl
Was ist denn deine Zukunft?

 

Sie (verdrehen die Augen, so als ginge das den Fahrstuhl nichts an, antworten dann aber doch)

Ich habe gleich ein Bewerbungsgespräch für einen Job, einen super Job, der sozusagen die Erfüllung eines Lebenstraumes ist. Und nun hindert mich ein blöder Fahrstuhl daran, rechtzeitig zu meinem Termin zu kommen.

 

Fahrstuhl (traurig)

Das finde ich nicht nett.

 

Sie
Was findest du nicht nett?

 

Fahrstuhl
Daß du blöde zu mir sagst.

 

Sie (lachen)

Also entschuldige mal, du bringst hier die Konfusion rein und beschwerst dich, daß ich dich als blöde bezeichne? Könntest du mich jetzt bitte nach oben bringen, in zwei Minuten habe ich meinen Termin.

 

Fahrstuhl
Nein.

 

Sie (sprechen zu sich)

Okay. Ich bin sicher, das ist ein Test. Die wollen sehen, wie ich mit dieser Situation umgehe.
(Sie sprechen zum Fahrstuhl) Gut... was soll ich tun, damit Du, lieber Fahrstuhl, mich nach oben bringst?

 

Fahrstuhl (erfreut)

Das klingt gut: Lieber Fahrstuhl!
Also ich möchte, daß du mir drei Fragen beantwortest.

 

Sie
Drei Fragen? Und dann bringst du mich nach oben?

 

Fahrstuhl
Ja!

 

Sie
Versprochen?

 

Fahrstuhl
Versprochen.

 

Sie
Okay, erste Frage?

 

Fahrstuhl
Also, ... wie viel ... also hmmm...

 

Sie
Nun mach schon mir läuft die Zeit davon.

 

Fahrstuhl
Die Zeit davon?! ...  so so

 

Sie (ungehalten)
Ja, mir läuft die Zeit davon. Ach, rutsch mir doch den Buckel runter ...

 

Sie greifen sich Ihr Handy und wählen eine Nummer.

 

Sie
Hallo? Hallo, ja hier Schmitz. Ich habe einen Termin bei Ihnen um 14.00 Uhr, ... doch, doch, ich kann schon kommen. Ich bin auch schon da, aber ich stecke in Ihrem Lift fest... ja richtig, in Ihrem Haus im Lift. Ja, in dem rechten...  könnten Sie jemanden schicken, der mich hier rausholt?

 

In diesem Moment ertönt ein Liftfahrgeräusch, so als ob der Lift wieder anfahren wollte.

 

Sie
Warten Sie, einen Moment...  ich glaube, jetzt geht es wieder. Ja tatsächlich, der Lift fährt wieder... ja, bis gleich.

 

Der Fahrstuhl fährt zwei Stockwerke höher, dann bleibt er zwischen dem 18. und 19. Stock stehen.

 

Sie
Hey, was ist denn jetzt schon wieder? Wir sind noch nicht oben.

 

Fahrstuhl
Wir haben eine Abmachung.

 

Sie
Ja richtig, wir haben die Abmachung, daß du mir drei Fragen stellst und mich dann hochbringst und nicht wieder zwischen dem achtzehnten und neunzehnten Stock anhältst.

 

Fahrstuhl
Genau!

 

Sie
Aber dazu mußt du die Fragen auch stellen und nicht herumdrucksen. Ich habe nicht ewig Zeit.

 

Fahrstuhl
Zeit scheint dir ganz schön wichtig zu sein.

 

Sie
Ja, Zeit ist wichtig, Zeit ist Geld. Aber ich glaube, davon hat ein Fahrstuhl keine Ahnung.

 

Fahrstuhl
Wenn du meinst. Also gut, meine erste Frage: Wie viel ist eins und eins?

 

Sie (verdrehen die Augen)
Zwei. Nächste!

 

Fahrstuhl (bewundernd)
Oh, du bist gut. Zwei! Das ist echt gut.

 

Sie
Danke. Nächste Frage, bitte!

 

Fahrstuhl
Na gut. Welche Farbe hat die Sonne?

 

Sie
Gelb.

 

Fahrstuhl
Gelb?

 

Sie
Manchmal auch Orange oder Gold. Das hängt von der Tageszeit und dem Licht ab. Aber in der Regel Gelb.

 

Fahrstuhl
Das hätte ich nicht gedacht. Gelb?!

 

Sie (sehen ungeduldig auf die Uhr)
So und nun bitte die dritte Frage!

 

Fahrstuhl
Okay. Wer.... wer bist du?

 

Sie (schnaufen genervt durch die Nase)
Mein Name ist Alex Schmitz, bin 40 Jahre alt und Texter/Texterin von Beruf. Zufrieden?

 

Fahrstuhl (bestimmt)
Nein!

 

Sie
Nein?! Was soll das heißen?

 

Fahrstuhl
Nein. Nein heißt nein! Ich bin nicht zufrieden!

 

Sie
Okay, nochmal. Ich heiße Alex Schmitz, bin 40 Jahre alt, bin ..., ja richtig, das habe ich vergessen, ich bin geschieden und Single. Und von Beruf bin ich Texter/Texterin und bald Creative Direktor/Creative Direktorin. Jetzt zufrieden?

 

Fahrstuhl
Nein.

 

Sie (aufgebracht)
Was willst du denn noch alles wissen?

 

Fahrstuhl
Ich will nur wissen, wer du bist.

 

Sie
Ich habe dir alles gesagt, was es zu sagen gibt... okay, ich fahre einen Porsche, habe eine Dachterrassenwohnung... ich habe keine Kinder und meine Hobbys sind Mountainbikefahren und Bergsteigen. Mehr kann ich dir aber wirklich nicht mehr sagen.

 

Fahrstuhl (mit trauriger Stimme)
Du sagst mir nur, was du bist, was du machst und was du hast, aber nicht: wer du bist.

 

Sie
Ich glaub's nicht, ich glaub's einfach nicht. Ein Fahrstuhl wird zum Psychotherapeut. Warte, einen Moment.

 

Sie holen nochmals Ihr Handy aus der Tasche und drücken die Wiederwahltaste.

 

Sie
Hallo?... ja, hier nochmals Schmitz. Also der Lift steckt schon wieder fest... wie hallo... hallo...? (verzweifelter Blick aufs Display)
Mist, kein Empfang mehr, das ist wieder typisch. Immer wenn man's braucht. (Sie stecken das Handy wütend zurück in die Tasche)

 

Fahrstuhl
Entschuldige, ich wollte dich nicht wütend machen. Ich wollte nur wissen, wer du bist.

 

Sie
Ich hab dir bereits gesagt, wer ich bin. Was willst du denn noch wissen?

 

Fahrstuhl
Ich muß mich wiederholen. Du hast nur gesagt, was du bist, was du hast und was du tust. Aber das sind alles nur Äußerlichkeiten. Ich wollte wissen, wer du bist.

 

Sie (schweigen und denken nach)
Wer ich bin? ... woher soll ich das wissen? Ich habe keine Ahnung.

 

Fahrstuhl
Warum weißt du das nicht?

 

Sie
Was weiß ich? Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Wozu auch? Das ist doch völlig egal!

 

Fahrstuhl
Wie kann dir egal sein, wer du bist?

 

Sie
Also, du stellst vielleicht Fragen!... Jetzt bring mich endlich rauf, ich muß zu meinem Termin.

 

Fahrstuhl
Warum? Damit du noch weniger Zeit hast, darüber nachzudenken, wer du bist?

 

Sie
Das führt doch zu nichts. Da kann ich ein Leben lang darüber nachdenken und finde doch keine Antwort.

 

Fahrstuhl
Woher willst du das wissen?

 

Sie
Ich hab das schon mal gemacht. Gleich nach dem Studium, da hatte ich drei Monate lang nichts zu tun, bis mein erster Job anfing. Und da habe ich über mich nachgedacht.

 

Fahrstuhl
Und?

 

Sie
Was und?

 

Fahrstuhl
Was kam dabei heraus?

 

Sie
Nichts. Deshalb weiß ich doch, daß das nichts bringt.

 

Fahrstuhl
Vielleicht hast du falsch über dich nachgedacht.

 

Sie (zynisch)
Und du als Fahrstuhl willst mir nun sagen, wie man richtig über sich nachdenkt. Wer bist du denn?

 

Fahrstuhl
Das sage ich dir, wenn die Zeit dafür reif ist.

 

Sie (nachäffend)
Ohh, wenn die Zeit reif ist...

 

Fahrstuhl
Ja richtig, noch bist du an der Reihe, noch hast du meine dritte Frage nicht beantwortet. Und denke daran, du willst nach oben, nicht ich.

 

Sie
Ich denke an nichts anderes.

 

Mit diesen Worten ziehen Sie Ihr Handy wieder aus der Tasche und rufen erneut an.

 

Sie
Ja hallo, hier nochmals Schmitz... ja der Empfang war unterbrochen. Wie bitte? ... ah ja, Sie haben schon den Hausmeister alarmiert...  was? Der Empfang ist sehr schlecht, was? ... ach der Hausmeister ist nicht da? ... ah ja, der Aufzugsdienst kommt so bald als möglich... okay, nein, nein mir geht es gut. Holen Sie mich einfach hier raus... das muß Ihnen nicht peinlich sein, es ist ja nicht Ihre Schuld. Ja bis gleich, hallo? ... hallo?! ... Mist, schon wieder unterbrochen.

 

Fahrstuhl
Schuld! Ja, darum dreht sich bei euch alles.

 

Sie (noch in Gedanken)
Was? Was hast du gesagt?

 

Fahrstuhl
Schuld. Ich sagte, Schuld, darum dreht sich bei Euch alles. Immer muß irgendwer an etwas schuld sein.

 

Sie
Na ja, es ist ja auch immer 'wer' schuld an etwas.

 

Fahrstuhl
Das stimmt schon....

 

Sie
Aber?

 

Fahrstuhl
Aber nicht die anderen.

 

Sie (argwöhnisch)
Moment, willst du damit andeuten, es sei meine Schuld, daß ich hier feststecke?

 

Fahrstuhl
Laß es uns nicht Schuld nennen, sondern Ursache.

 

Sie
Also, das ist ja... das ist ja... (nach Worten ringend) da bleibst du stehen und behauptest, ich sei schuld!! Also...

 

Fahrstuhl
Nicht Schuld, Ursache. Du bist die Ursache dafür...

 

Sie
Also,... das glaub ich einfach nicht. Willst du damit sagen, du bist wegen mir stehen geblieben?

 

Fahrstuhl
Ja.

 

Sie
Du bist wegen mir stehen geblieben? Das heißt, ich wollte, daß du stehen bleibst?

 

Fahrstuhl
Ja.

 

Sie (schütteln verständnislos den Kopf)
... hey, wer steckt hinter dem Scherz. Nein, das kann nicht sein. Also bitte, das ist ein schlechter Scherz. Das ist nicht mehr lustig. Ich,... ich kaufe mir extra einen neuen Anzug, nehme mir unter schwierigsten Umständen Urlaub für heute. Halte alles streng geheim, es darf ja niemand davon wissen. Und jetzt soll ich nicht zu dem Termin wollen?

 

Fahrstuhl
So ist es.

 

Sie
Also eins verspreche ich dir, wenn ich den Job bekomme, dann laß ich dich sofort generalüberholen.

 

Fahrstuhl
Meinst du, damit kannst du dein Problem lösen?

 

Sie
Ja, damit löse ich mein Problem. Du bist mein Problem und ich habe dich dann gelöst. Sozusagen herausgelöst.

 

Fahrstuhl
Es wäre schön, wenn wir alle unsere Probleme so einfach lösen könnten. Was nicht funktioniert, was sich querstellt, wird einfach ausgetauscht oder kommt weg. Hitler läßt grüßen!

 

Sie
Gute Idee. Ich schicke dich in die Schrottpresse. Dann kannst du die mit der Frage nerven, wer sie ist.

 

Fahrstuhl
Sie ist eine Schrottpresse, das weiß sie, das weiß ich, wir brauchen uns deswegen nicht zu nerven. Mich würde viel mehr interessieren, warum dich der Gedanke so aufregt, die Verantwortung für unseren Stopp hier zu tragen.

 

Sie
Weil ich nicht dafür verantwortlich bin. Das ist doch absurd. Ich will zu meinem Termin, nichts weiter.

 

Fahrstuhl
Okay, dann sag mir, was für dich an dem Job so wichtig ist.

 

Sie
Das ist doch klar, er bedeutet einen beruflichen Aufstieg für mich. Da kann ich viel besser arbeiten. Zur Zeit bin ich Direktor / Direktorin der Textabteilung in einer mittleren Werbeagentur. Ich bin zwar offiziell Leiter / Leiterin im kreativen Bereich, aber mein Chef, der Besitzer dieser Agentur, redet mir ständig in alles rein.

 

Fahrstuhl
Meinst du, daß das hier besser sein wird?

 

Sie
Ich denke schon. Zumindest ist mir auch der Posten als geschäftsführender Gesellschafter in Aussicht gestellt worden.

 

Fahrstuhl
Also, dich nervt am meisten, daß man dir in deine Arbeit hineinredet.

 

Sie
Ja, richtig.

 

Fahrstuhl
Warum machst du dich dann nicht selbständig?

 

Sie
Ja,... nein... das ist nichts für mich. Da würden Probleme auf mich zukommen, von denen ich keine Ahnung habe, Betriebswirtschaftliches. Außerdem als kleine Werbeagentur kommt man nicht an die großen, die interessanten Aufträge ran.

 

Fahrstuhl
Du hast Angst vor dem Kämpfen.

 

Sie
Angst vor dem Kämpfen? Lächerlich, ich kämpfe wie ein Löwe, wenn es sein muß. Ich will nur nicht an Dingen scheitern, von denen ich keine Ahnung habe.

 

Fahrstuhl
Es gibt aber doch Menschen, die davon Ahnung haben.

 

Sie (schütteln abweisend den Kopf)
Ja, dann müßte ich aber einen Partner mit reinnehmen.

 

Fahrstuhl
Warum willst du das nicht?

 

Sie
Also mit Partnern ist das so eine Sache...

 

Fahrstuhl
Wovor hast du Angst?

 

Sie
Verdammt, ich habe keine Angst!

 

Fahrstuhl
Du hast Angst.

 

Sie (mit herablassendem Ton)
Okay, was meinst du mit 'Angst'?

 

Fahrstuhl
Alex, du hast offensichtlich Angst vor Partnern, Angst vor partnerschaftlichen Beziehungen.

 

Sie
Willst du mir jetzt Beziehungsangst unterstellen?

 

Fahrstuhl
Ich will dir gar nichts unterstellen, ich stelle nur fest. Du hast vorhin gesagt, daß du geschieden und Single bist. Du willst offensichtlich keine Beziehung.

 

Sie (herumdrucksend)
Doch... schon... ich war ja verheiratet, ging aber nicht gut.

 

Fahrstuhl
Warum?

 

Sie
Angeblich habe ich zuviel gearbeitet. Ich sei nie dagewesen. Dabei habe ich doch nur deswegen soviel gearbeitet, damit es uns gut ging.

 

Fahrstuhl
Was bedeutet für dich: gut gehen?

 

Sie
Also ein schönes Haus, schicke Kleidung, Ausgehen, zwei bis dreimal Urlaub im Jahr, schönes Auto....

 

Fahrstuhl
... und was die Werbung sonst noch zu bieten hat. Du zählst mir schon wieder lauter Äußerlichkeiten auf. Ist es das, was du willst?

 

Sie (winden sich)
Ja also... nein. Ich meine, das gehört doch dazu.

 

Fahrstuhl
Dazu ja, aber nicht ausschließlich.
Ich frage dich jetzt nochmal: Wer bist DU?

 

Sie
Verdammte Scheiße, ich weiß es nicht.

 

Fahrstuhl
Willst du dir nicht erst einmal Gedanken darüber machen, wer DU bist, bevor du einen neuen Job annimmst? Eine neue Tretmühle, die dich wieder von dir ablenken wird?

 

Sie, vom langen Stehen müde, stellen den Aktenkoffer auf den Boden, setzen sich darauf und denken nach.

 

Sie
Und wie kann ich herausfinden, wer ich bin?

 

Fahrstuhl
Wenn du nicht weißt, wer du bist, drehe die Frage um. Frage dich, warum du bist.

 

Sie
Na super.
Noch so eine Frage, auf die ich keine Antwort weiß.

 

Fahrstuhl
Über die du noch nicht nachgedacht hast. Das klingt besser. Vielleicht fällt es dir leichter, wenn du die Frage allgemeiner faßt: Warum gibt es Menschen ? Warum gibt es ein Leben? Warum gibt es diese Welt?

 

Sie (murmeln verzweifelt in sich hinein)
Da wollte ich nichts weiter als zu meinem Jobinterview, und lande in einer philosophischen Diskussion mit einem Fahrstuhl. Ich glaub's einfach nicht!

 

Fahrstuhl
Ich weiß, die Situation ist grotesk. Aber man weiß nie, wo das Leben zuschlägt. Du warst auf jeden Fall nicht darauf vorbereitet.

 

Sie
Ich bin auf mein Jobinterview vorbereitet.

 

Fahrstuhl
Hättest du dich auf unser Interview vorbereitet, würdest du das andere im Traum absolvieren.

 

Sie
Mir kommt eher das hier wie ein Traum vor - und zwar wie ein schlechter.

 

Fahrstuhl (forsch)
Du solltest aufhören, zu jammern, das bringt dich nicht weiter. Alle Welt jammert und schau dir an, was für ein Misthaufen sie ist!

 

Sie sehen hoch. So ein forscher Ton vom Fahrstuhl, das ist unerwartet.

 

Fahrstuhl
Jeder ergötzt sich am Jammern und Wehklagen und behauptet, daß alle anderen an seiner Misere schuld sind. Aber keiner will für irgend etwas die Verantwortung übernehmen. Die Menschen ziehen sich jeden Tag mit Heißhunger die übelsten Nachrichten vom Unglück anderer hinein und wundern sich, wenn es ihnen selber passiert.
Geld kommt immer zu Geld, heißt es. Dementsprechend kommt auch Unglück immer zu Unglück. Wer Unglück sät, wird Unglück ernten.

 

Sie
Und wer Glück sät, wird Glück ernten?

 

Sie schütteln mit mitleidsvoller Mine den Kopf. Diese Behauptung ist einfach zu naiv.

 

Fahrstuhl
Ja, genau so.

 

Sie
Das ist lächerlich. Was ist mit den Leuten, die überall nur Gutes tun und dann zum Beispiel an Krebs sterben?

 

Fahrstuhl
Die Frage ist, warum tun sie 'Gutes'? Weil dies ihr innerstes Bedürfnis ist? Oder weil sie glauben, dadurch geliebt zu werden? Wer Gutes tut, um damit Liebe für sich einzufordern, tut nicht wirklich Gutes, auch wenn es danach aussehen mag.

 

Sie
Wie darf ich das verstehen?

 

Fahrstuhl
Es kommt auf den Beweggrund an. Viele, vor allem Frauen, sind dazu erzogen, für andere da zu sein. Aber sie vernachlässigen sich dabei, sie mißachten ihre Wünsche. Sie vergewaltigen sich, ihre Bedürfnisse, ihren Körper, nur um anderen etwas Gutes zu tun. Da ist es logisch, daß sich ihr Körper irgendwann wehrt und zum Beispiel mit Krebs antwortet. Liebe fängt immer bei sich an. Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. Der Nebensatz ist das, worauf es ankommt.

 

Sie
Die Bibel! Den Satz kenne ich,... aber, so habe ich ihn noch nie interpretiert.

 

Fahrstuhl
Wie ist es mit dir, liebst du dich?

 

Sie
Ob ich mich liebe? Keine Ahnung, .... ja schon. Eigentlich schon.

 

Fahrstuhl
Eigentlich?

 

Sie (nicken, als müßten Sie es sich selbst bestätigen)
Ja... eigentlich schon.

 

Fahrstuhl
Was heißt EIGENTLICH?

 

Sie
Also, ich finde das eine blöde Frage. Ob ich mich liebe? Logisch, jeder liebt sich ...  irgendwo... irgendwie.

 

Fahrstuhl
Irgendwo, irgendwie. Wer bin ich? Schon blöd was? Da fährt man Aufzug und plötzlich wird man mit sich selbst konfrontiert?

 

Sie
Du sagst es, das ist wirklich blöde. Jetzt bring mich endlich nach oben.

 

Fahrstuhl
Du kennst den Deal: erst wenn du meine Frage beantwortet hast. Oder, wenn du willst, bringe ich dich auch gerne nach unten.

 

Sie
Oh, das ist eine gute Idee. Dann nehme ich den Aufzug gegenüber.

 

Fahrstuhl
Meinst du, der würde dich hochbringen? Meinst du, irgendein Fahrstuhl auf dieser Welt würde dich heute zu deinem Termin hier hochbringen?

 

Sie
Wer bist du?

 

Fahrstuhl
Beantworte meine Frage und du hast deine mitbeantwortet.

 

Sie
Du machst mir Angst.

 

Fahrstuhl
Das ist gut so, obwohl du gar keine Angst haben müßtest. Aber sie gibt dir wenigstens ein bißchen Gefühl für dich. Weißt du, was Angst ist?

 

Sie
Ich bin sicher, du wirst es mir gleich verraten.

 

Fahrstuhl
Angst ist die Liebe zu sich selbst. Du hast Angst um dich, um dein Leben, das bedeutet, du liebst dich.

 

Sie
Wenn ich keine Angst mehr habe, liebe ich mich nicht mehr?

 

Fahrstuhl (lacht)
Das könnte man daraus schließen. Es kann aber auch sein, daß du dich so sicher und geborgen fühlst, daß du einfach keine Angst mehr haben mußt. Wenn du hundertprozentig weißt, daß dir nichts passieren kann, dann hast du keine Angst mehr. Du stehst unter dem Schutz der absoluten Liebe.

 

Sie
Klingt toll, aber unerreichbar.

 

Fahrstuhl
Für dich vielleicht.

 

Sie
Oh, soll das heißen, daß ich diese Geborgenheit in meinem tiefsten Innersten nicht wirklich will? Ich habe vor ein paar Jahren mal ein schwachsinniges Seminar über positives Denken mitgemacht.
(Sie äffen den Seminarleiter von damals nach) "Ihr müßt in Eurem tiefsten Innersten daran glauben, nur wenn Ihr daran glaubt, kann es wahr werden."
(wieder mit normaler Stimme) Nein danke, kein Bedarf.

 

Fahrstuhl
Ich weiß, diese Worte klingen aus so manchem Munde komisch und man kann es ihnen nicht abkaufen, weil diese Menschen selbst nicht wirklich daran glauben. Ihr tiefstes Innerstes vermittelt eine andere Botschaft als ihr Kopf. Und doch ist es richtig, was sie sagen. Wenn du es wirklich willst, schaffst du es auch. Die Frage ist nur, wie willst du es wirklich. Oder anders gefragt, was hindert dich daran, es wirklich zu wollen?

 

Sie
Oh ja, sag mir, was mich daran hindert.

 

Fahrstuhl
Wer bist du?

 

Sie (wütend)
Ein Mensch, der nicht weiß, wer er ist, verdammt nochmal!

 

Fahrstuhl
Hey, das ist ein guter Anfang. So kommst du der Antwort näher.

 

Sie (ironisch)
Ach danke, das baut mich jetzt aber auf.

 

Fahrstuhl
Langsam, hab einfach ein wenig Geduld. Noch vor einer halben Stunde hast du gar nicht gewußt, daß du dich nicht kennst. Den ersten Schritt hast du getan.

 

Sie (lachen wieder)
Ich weiß, daß ich nichts weiß. Das weiß ich noch von meinem alten Griechisch-Lehrer. Der Philosoph Diogenes nervte mit diesem Spruch gerne die Bürger von Athen.

 

Fahrstuhl
Und heute nerve ich dich damit.

 

Sie
Weißt du was? Allmählich macht mir das irgendwie Spaß. Ich meine, mich mit dir zu unterhalten.

 

Fahrstuhl
Na ja, es wurde auch langsam Zeit, daß wir uns mal unterhalten. Apropos Zeit, du hast doch normalerweise nie Zeit für etwas.

 

Sie
Das kannst du laut sagen. Für mich dürfte der Tag 30 Stunden haben, ... oder noch besser gleich 35.

 

Fahrstuhl
Glaub mir, dann hättest du auch nicht mehr Zeit. Du würdest sie dir genauso verplanen wie jetzt, selbst wenn der Tag 100 Stunden hätte.

 

Sie (nachdenklich)
Wahrscheinlich hast du recht. Selbst in den Urlaub nehme ich mir noch Arbeit mit. Und seit ich geschieden bin, habe ich sowieso nie mehr als fünf Tage Urlaub am Stück gemacht.

 

Fahrstuhl
Und dann willst du einen Job anfangen, der noch mehr von dir verlangt? Ich glaube, bevor du dein Leben nicht geordnet hast, brauchst du gar nicht zu dem Interview zu gehen. Nochmal, warum möchtest du unbedingt den neuen Job haben?

 

Sie
Also... er ist besser bezahlt...

 

Fahrstuhl
Wozu? Du hast doch eh kaum Zeit, dein Geld auszugeben. Das Geld kann nicht deine Motivation sein.

 

Sie
Auf jeden Fall hätte ich mehr Verantwortung.

 

Fahrstuhl
Da kommen wir der Sache schon näher. Wofür steht denn bei dir 'Verantwortung'?

 

Sie
Also ich hätte mehr Leute unter mir ...

 

Fahrstuhl
Über die du Macht hast.

 

Sie
Ist das was Schlechtes?

 

Fahrstuhl
Prinzipiell nicht. Macht oder Verantwortung sind absolut okay. Es muß auch Menschen geben, die bereit sind, diese Last zu tragen, sonst wäre vieles auf dieser Welt nicht möglich. Aber auch hier ist der Beweggrund wichtig.

 

Sie
Wie meinst du das?

 

Fahrstuhl
Warum willst du Macht? Willst du Macht der Macht wegen, weil du es liebst, Menschen Befehle zu erteilen und sie von dir abhängig zu machen? Damit sie dich mögen müssen, weil du sie sonst feuern könntest? Oder möchtest du einfach nur ein Projekt verwirklichen, etwas erschaffen, wozu du der Mithilfe vieler bedarfst?